Oktober 08, 2009

Mailkonventionen

Ich komme derzeit nicht so wirklich zum Schreiben, denn meine Familie besucht mich dieser Tage und da muss sich das Blog zwei Faktoren unterordnen: erstens den Verpflichtungen als guter Gastgeber, zweitens der Tatsache, dass sie dieses Blog nicht kennen, ich mich noch nicht entschieden habe, ob ich ihnen von diesem Blog erzähle und ich daher nur nach dem Schlafengehen schreiben könnte (oder auf der Arbeit, wie jetzt. Den Inhalt schreibe ich in einen Text-Editor und formatiere ihn nur noch kurz zu Hause für den Blog).
Ich möchte kurz etwas zu Mailkonventionen im japanischen Geschäftsleben schreiben. An anderer Stelle wies ich ja schon auf wiederkehrende Floskeln hin. Diese finden sich größtenteils auch in e-Mails an festgelegten Stellen wieder.
Eine Standard-Mail zwischen zwei - sich nicht zu nahe stehenden, aber sich auch nicht komplett fremden - Kollegen läuft so:

"Suzuki-san,
Itsu mo osewa ni narimasu. [Abteilung] Matsumoto desu.
[Inhalt]
Ijou, yoroshiku onegaishimasu."

Deutsch:
"Suzuki-san,
Wie immer helfen sie mir sehr. Dies ist Matsumoto(Nachname) von [Abteilung].
[Inhalt]
Das ist alles, ich bitte sie um diesen Gefallen."


Schon der erste Teil wirkt sehr putzig redundant, vor allem da er häufig auch in Ping-Pong-Mails gerne wiederholt wird und man den Absender doch schon vor dem Öffnen der Mail und im Mail-Header erkennen kann.

Die letzte Satzhälfte wird natürlich nicht unbedingt verwendet, wenn man eine reine Informationsmail sendet, die keine Bitte um Hilfe enthält. Wenn allerdings mit dem Inhalt der Mail eine indirekte Bitte impliziert wird (wie zum Beispiel beim Bekanntgeben neuer Verkaufsziele oder der Beschreibung eines Problems, dessen sich jemand annehmen sollte), dann wird "Yoroshiku onegaishimasu" trotzdem angehängt.
"Ijou" soll verdeutlichen, dass der Inhalt an dieser Stelle endet. Der Name des Senders wird (außer manchmal über eine Signatur) nicht mehr genannt. Ijou heißt eigentlich "mehr als...". Zum Beispiel heißt 10ijou "mehr als 10...". Die implizierte Bedeutung ist das stark und für nicht-Japaner missverständlich abgekürzte "[Inhalt]ijou wa arimasen" (Es gibt nicht mehr als diesen Inhalt [zu sagen]).

Wenn ich diese Konvention selbst befolge (was niemand von mir verlangt oder erwartet) komme ich mir immer ein bisschen so vor, als würde ich mich darüber lustig machen, weswegen ich es meist lieber weglasse. Ich gehe auch davon aus, dass der Subtext dieser Standardbausteine ein etwas anderer wäre, wenn "der Europäer" sie anwendet. Es gibt auch das Sprichwort "Japanischer als die Japaner", das nicht unbedingt als Kompliment zu verstehen ist. Es als Balanceakt zu bezeichnen wäre übertrieben, aber eine "Linie" habe ich noch nicht gefunden. Derzeit habe ich das Gefühl, dass es den Kollegen auch ziemlich gleichgültig ist. Selbst sind sie aber in den meisten Fällen schon daran gebunden, auch wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich bei lockerer Handhabung wohler fühlen würden. Es hat sich aber so eingespielt (als jemand der anderes gewohnt ist könnte man auch "festgefahren" sagen), dass es für Japaner schwierig ist aus diesen Konventionen auszubrechen.

September 30, 2009

Video: Skyline von Tokyo

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich kannte die Tokioter Skyline nicht bevor ich hier lebte. Zugegeben, sie ist nicht so einprägsam wie andere Skylines, weil mehr durch Einförmigkeit statt markanter Gebäude geprägt.

Hier also im unglaublich aufwändigen und sehenswerten Zeitraffer mit schöner Musik zum Wegschlummern unterlegt:

remanence : variance from Samuel Cockedey on Vimeo.

Ab 1:29 sieht man in der linken Bildhälfte den dreitürmigen Park Tower in dem sich das Park Hyatt befindet.

September 28, 2009

Park Hyatt Tokyo

Meine Rippenprellung hat sich zu einem echten Ärgernis entwickelt. Am Donnerstag ging ich während der Arbeit zum Arzt, dessen Besuch ich im Vorfeld als potentielles Blogmaterial einsortierte. Im Endeffekt gibt es aber nichts spannendes zu berichten. Nicht großartig von deutschen Arztbesuchen zu unterscheiden. Erwähnenswert ist lediglich, dass man hier nicht sagt "Ich gehe zum Arzt", sondern "Ich gehe ins Krankenhaus". Es gibt so gut wie keine Arztpraxen, sondern hauptsächlich Krankenhäuser in denen man sich untersuchen lässt. Diese sind teilweis eher wieder mit Arztgemeinschaftspraxen zu vergleichen. Ich bekam eine Prellung diagnostiziert und der Arzt konnte sogar ein paar Worte deutsch sprechen (im Gegensatz zu englisch). Er erklärte, dass es kein Rippenbruch sei, und baute in seine anschließenden Sätze "Knorpel", "Knochen" und "Wirbel" ein, in denen er mir wohl die Prellung erklären wollte. Ich ließ mir seine Diagnose nochmal auf japanisch aufschreiben, so dass ich zur Sicherheit einen Kollegen um Übersetzung bitten konnte.
Jedenfalls sind die Schmerzen mit der Zeit stärker geworden und heute konnte ich im Büro nicht einmal ruhig sitzen ohne das Gefühl zu haben, dass meine rechte Brustseite zerfällt. Das schlaue Internet lehrte mich erleichternderweise(?), dass starke Schmerzen relativ normal sind und noch locker 3-4 Wochen für lustige Schmerzkrampfgesichter sorgen werden.

Was ich eigentlich bloggen wollte:
Samstag traf ich mich mit Tom (Tetsuya). Ich kannte ihn schon bevor ich nach Japan kam und er ist für einen Japaner ein ziemlich cooler abgeklärter Typ. Verglichen mit anderen wirkt e manchmal schon fast desinteressiert. Ich meine er ist 34 oder 35, wirkt aber, Überraschung, eher wie Ende 20. Manchmal blitzt in seiner Coolness aber wieder kindliche Albernheit und Überdrehtheit auf. Nicht ganz einfach einzuschätzen.
Jedenfalls lud er mich zu einem Treffen mit seinem Freund "Marty" ein, der bei Audi Deutschland arbeiten würde. Ich verstand das nicht ganz, aber sagte zu. Nicht zuletzt weil wir im Park Hyatt Hotel trinken gingen, der Ort in dem Großteile von Lost In Translation spielen.

Das Park Hyatt ist kaum zu übersehen. Man geht aus dem Südausgang von Shinjuku-Station und sieht auf der rechten Seite von weitem das hohe, dreitürmige Gebäude mit den markanten Dachbauten. Wieder mal unterschätzte ich die Entfernung und sagte Tom am Telefon, ich wäre in 5 Minuten da. Es dauerte stattdessen 20 Minuten.

Ich fand den Eingang zum Hotel nachdem ich das Gebäude einmal herumirrend durchquerte und erkannte ihn sofort wieder. Im Film gibt es eine Szene, in der die Hotelgäste während eines Feueralarms vor dem Hotel stehen. Sowas trifft mich immer unvorbereitet. Es sind diese Momente, die ich gelegentlich brauche um zu realisieren wo ich eigentlich gerade überhaupt bin. Plötzliche Ekstase, die noch davon unterstrichen wurde, dass mein iPhone gerade "Seamonkey" von Moderat spielte. Es ging nahtlos weiter damit: die Rezeption, der Fahrstuhl, die Aussicht, die Flure.
Ich kam mir vor wie ein Spion, denn ich marschierte völlig unbehelligt durch diese Filmkulissen, wurde sogar höflich von feinen Hotelangestellten gegrüßt. Ich fühlte mich gleichzeitig schlecht aber auch unglaublich elektrisiert.

Ich nahm den Fahrstuhl, der mich lediglich zum 41. Stock brachte, durchquerte dort noch einmal das Hotel um zu einem weiteren Fahrstuhl zu kommen der mich in den 52. Stock zur "New York Bar" brachte. Ich fand, der Name klingt wie ein unnötiges Understatement. Städte dieser Größenordnung sollten es nicht mehr nötig haben, sich ein bisschen Glanz anderer Metropolen zu leihen.

Die Gruppe zu der ich stieß war deutlich größer als angenommen und bestand fast ausschließlich aus alten Studienkollegen von Tom. Da Tom an der renommierten internationalen "ICU" studierte lernte ich bald Halb-Kanadier, Halb-Deutsche (Marty bzw. Matthias) und Halb-Ägypter kennen. Dazu kamen noch vier weitere Japaner.
Wir saßen auf einem Sofa direkt am Fenster und hatten für die nächsten 3 Stunden vermutlich die beste Aussicht, die man in Japan haben kann. Die Bar selbst war kleiner als sie im Film wirkt. Eine Jazzband jazzte vor sich hin und war deutlich interessanter als die säuselnde Lounge-Sängerin aus dem Film.
Matthias arbeitet inzwischen als Vertriebsverantwortlicher bei Audi für den japanischen Markt, spricht fließend japanisch und hatte eine sehr väterliche Art, dafür dass er nur 5 Jahre älter als ich ist. Reiko (Halb-Kanadierin) arbeitet bei Sony Computer Entertainment und ist dafür verantwortlich Playstation 3-Spiele, die von Sony America oder Sony Europe entwickelt wurden für den japanischen Markt bereit zu machen (Übersetzungen, Schwierigkeitsgradanpassungen, kleine Inhaltsanpassungen). Ihr Kollege kümmert sich derzeit um God of War 3.
Von Matthias lernte ich, dass Audi trotz Finanzkrise gegenüber dem letzten Jahr (Rekordjahr für Audi) nur 7% Gewinn eingebüßt hat, gegenüber Mercedes und BMW mit jeweils um die 30%. Audi ist hier in Japan vor allem bei den jungen neureichen Japanern extrem angesagt und scheint BMW langsam den Rang abzulaufen.

Wir tranken Whisky für 2500 Yen (ca. 18 Euro), aßen Kartoffelbrei für 10 Euro und laberten ziemlich ungezwungen. So ungezwungen, dass selbst innerhalb einzelner Sätze zwischen Japanisch, Englisch und Deutsch hin- und hergesprungen wurde. Es ging um Lost in Translation, die japanische Community "mixi" ( "Sucks!"), unsere Arbeit und vor allem deren Erinnerungen an ihre gemeinsame Studienzeit, die ich nur noch bruchstückartig verstand.

Am Schluss zahlte jeder 6000 Yen und wir verließen das Hotel.
Ich haderte mit mir, ob ich mich einer Teilgruppe anschließen sollte und ins Womb in Shibuya aufbrechen, aber ich hatte am nächsten frühen Morgen Bandprobe und war durch Samstagsarbeit (Pflicht-Arbeitstag nach der Silver-Week) und Prellung körperlich nicht ganz auf der Höhe.


Super Funfact zum Schluss:
In Shinjuku-Station machten mich Reiko und ihr Freund André (der sich über meine Anmerkung, er sähe aus wie Jemaine von Flight of the Conchords sehr freute) darauf aufmerksam, dass hier das Video zu "Intergalactic" gedreht wurde. Ich fragte mich, warum mir das nicht früher aufgefallen war, denn es ist wirklich zu offensichtlich. Die Beastie Boys posen im Video sogar kurz direkt vor den Treppen zum Gleis der Chuo-Line (Rapid Service), die ich regelmäßig betrete, bzw. verlasse. Ich werde ab jetzt mal systematischer nach popkulturell berühmten Spots in Tokyo suchen.


Super Lied. Kann es immer noch mitrappen.

September 24, 2009

Niijima-Trip


Niijima war super. Wobei ich gar nicht mal so sehr die Insel meine, zu dessen eingehender Besichtigung ich überhaupt keine Zeit hatte, sondern den Trip im gesamten, der als Erfahrung deutlich wertvoller ist als ein paar verlaxte planlose Tage in Tokio.

Am Abend der Hinfahrt besuchte ich ja noch "Videogames-live", für das ich ca. 70 Euro bezahlt hatte.
Dadurch dass ich anschließend noch in Kichijoji Tasche und Surfboard abholen musste, musste ich das Konzert vorzeitig verlassen (ca. 15 Minuten nach der Pause), was mir mindestens ein Drittel des Programms geraubt hat. Es wurde zwischen den Liedern einfach zuviel nichtiges gequasselt und hin und her übersetzt.
Außerdem war das Orchester zu sehr über Anlage verstärkt, was das es etwas unnatürlich klingen ließ (dass es die Lieder wirklich perfekt spielte tat ungewollt sein übriges).
Lohnenswert machte den Besuch aber der Shadow-of-the-Colossus Soundtrack (Komponist war anwesend und saß vier Reihen vor mir) und dass auch der Komponist von Zelda und Mario zugegen war.
Tommy Tallarico, der Kopf hinter Videogames-live und selber Komponist gefiel sich zu sehr in seiner Rolle als Gastgeber und Publikumseinpeitscher. Da das Publikum sein Englisch kaum verstand, entstand immer eine unangenehme Ruhe zwischen seinen euphorischen Ankündigungen und dem tatsächlichen Geklatsche (immer noch brav) der Japaner nach der Übersetzung. Allgemein war das Publikum Welten von den Klatsch-, Kreisch und Jubelorgien entfernt, die man so auf Youtube ansehen kann.
Ich glaube, er war auch etwas enttäuscht von diesem ersten Videogames-live in Japan. Eingangs sagte er schleimend, nirgends auf der Welt wäre Videospielemusik so sehr anerkannt und respektiert wie in Japan (und er verbeugte sich tief). Die Resonanz wirkte nicht leider nicht so.
Das lag aber auch an einer teils etwas kruden Liedauswahl (wer hat schonmal etwas von "Advent Rising" gehört?).
Nun, egal. Mario/Zelda, Shadow of The Colossus und Final Fantasy-Themen entschädigten.

Ich kam um 22:20 am Pier an, holte meine Karte an einem Schalter ab und zahlte noch 700 Yen Surfboard-Transportgebühr.
Fast alle am Pier gingen auf dieselbe Fähre, die ungefähr so groß war wie ich sie mir vorstellte. Fünf Ebenen, Platz für circa 1000 Leute, der aber lang nicht ausgenutzt war.
Ich fand auch schnell meinen Schlafplatz. Wie fast überall in Japan zog man seine Schuhe aus, bevor man die 10cm höhergelegene Schlafebene betrat. Dort wo ich lag waren ungefähr 30 Schlafplätze, auf dem Teppich markiert wie Parklücken auf dem Supermarktparkplatz, knapp über Schulterbreite.

Ich ging nochmal mit der Kamera hoch zum Deck, machte ein Foto von Tokyo Bay bei Nacht und stellte dann fest, dass meine Billig-Batterien die ich letztens in einem Ramschladen kaufte schon wieder leer waren. Also keine Fotos mehr. Für 100 Yen Decke geliehen und eingeparkt.
Ich schlief bis knapp 6:00 durch, als "Ooshima" zweimal hintereinander angekündigt wurde, die zwei Inseln vor Niijima liegt. Danach folgte Toshima und wieder zwei Ankündigungen, die von wohlklingenden Ankündigungsjingles begleitet wurden.

Am Hafen in Niijima traf ich Muto-san und einige Leute die wohl zu unserem Hotel gehörten und weitere Gäste abholten. Wir brachten unseren Kram schnell ins 10qm große Zimmer und machten uns surfbereit.
Wir fuhren mit unserem klapprigen Kleinbus zur Ostseite der Insel, wo im Gegensatz zur Westseite Wellengang war. Das Meer war unfassbar blau. Und die Wellen unfassbar hoch.
Muto-san und Kaz hatten mir vorher noch gesagt, sie hätten am Vortag nicht surfen können, weil die Wellen zu hoch und zu heftig waren. Man konnte mit Muskelkraft nicht hinauspaddeln.

Die Situation sollte sich heute nicht großartig anders darstellen. Vor allem ich als Ungeübter scheiterte kläglich an der Strömung. Schon der Einstieg war mehr als haarig. Wenn man etwas zu unaufmerksam war und die ankommenden Wellen unterschätzte konnte man direkt nach dem Einstieg wieder zurück auf den Strand gewuchtet werden.
Bei meinen ersten Versuchen hinter die Wellen zu kommen erfasste mich auch noch eine größere Welle mit voller Wucht, riss mir das Surfbrett unter dem Körper weg und irgendetwas versetzte mir einen Schlag in die Seite. Da das Surfbrett wegflog konnte es dieses nicht gewesen sein, und so rätselte ich ob mir allein die Wasserwucht den Schlag versetzt hatte oder es einfach eine Muskelzerrung war.
Danach war meine Bewegungsfähigkeit etwas eingeschränkt. Ich ruhte mich am Strand aus, was dennoch sehr befriedigend war.
Später startete ich einen weiteren (erfolglosen) Versuch. Kaz und Muto-san hatten mehr Ausdauer, konnten aber auch lediglich genug Kraft für je einen Ritt aufbringen.
Vom Surfbrett aus sah das Wasser noch hellblauer aus als von weitem. So als würde man in "Wick blau"-Schaumsuppe schwimmen.
Die ersten 20 Meter waren sehr schnell überwunden aber dann kam man an eine Stelle circa 10m vor dem Breaking Point, wo einen das Wellenweißwasser immer wieder unbarmherzig nach hinten drückten. Die Wellen brachen hier mit viel zu hoher Frequenz. Hatte man eine einigermaßen glücklich durchschwommen kam wenige Sekunden später auch schon die nächste und man verbrachte mehr Zeit mit Tauchen als mit Paddeln. Selbst wenn die Wellen mal ein paar Sekunden Pause gaben, kam man kaum gegen die Strömung an. Wenn man nach gefühlten 15 Minuten Tauch-Paddelei (die eher 3 Minuten waren) zum Strand schaut und feststellt, dass man sich immer noch kein Stück weiter bewegt hat werden die Arme schon mal sehr schwer. Ich verbesserte immerhin mein Duck-Diving, bei dem man Wellen mit seinem Board durchtaucht. Man drückt kurz bevor einen die Welle erreicht erst die Spitze des Boards nach unten, und drückt dann während die Welle über einen hinwegrauscht noch das Hinterteil des Bretts mit dem rechten Fuß hinunter während man den linken Fuß nach oben streckt (um Druck auf das Board auszuüben). Im besten Fall taucht man mit dem Board zusammen ein gedachtes (breites) U.
Mit einiger Erleichterung sah ich, dass auch andere ähnlich erfolslos wie ich blieben.

Wir machten eine Mittagspause von 12:00-14:00 und surften anschließend bis 17:00 weiter. Die Schmerzen an meinen Rippen waren inzwischen ausgesprochen unangenehm und ich beschränkte mich auf einen weiteren Versuch, den ich mit einem wackligen Weißwasser-Ritt abschloss. Immerhin.

Zum Abend gab es in unserem Hotel ein mit Sorgfalt zubereitetes japanisches Menü (Tonkatsu-Schnitzel mit typischer Soße, Sashimi, eingelegte Gürkchen, Miso-Suppe), das wir im Schneidersitz mit 10 anderen Hotelgästen (junge Surffamilien mit 1-2 Kindern) zu uns nahmen.

Das jährliche Matsuri (Inselfest) fiel genau auf diesen Tag und so konnten wir ab 8 Uhr ein paar traditionelle Tänze, eine Tombola und ein ziemlich gutes Strandfeuerwerk beobachten.
Feuerwerk ist in Japan eher eine Sommer-Attraktion und teils recht spektakulär. Das hier war sehr vergleichbar mit dem in Odaiba, nur dass ich diesmal deutlich näher dransaß und keine anderen Lichter den Anblick störten.
Obligatorisch: die "Formen"-Phase in der Mitte des Feuerwerks. Dann werden Fische, Herzen, Sterne, Smilies und Blumen an den Himmel geballert. Die Ooohs, Aaaahs sind hier eher die "Sugoiii"s und "Kawaii!"s.

Kaz war extrem angetan vom Feuerwerk und musste sich darauf erstmal ein Automaten-Chu-Hi gönnen. Muto-san und ich machten mit. Wir kamen noch an einem weiteren Alkohol-Automaten (die man in Tokyo eher selten sieht) vorbei und machten eine zweite Dose leer. Wir waren extrem müde und würden eh nur noch ins Bett gehen können, aber irgendwie passte es in dem Moment. Im Hotel holten wir drei Futons aus dem Wandschrank, schauten noch ein bisschen Fernsehen (das mit simultaner Teilübersetzung durch Kollegen sogar noch unterhaltsamer ist) und schliefen dann ein. Weder Muto-san und noch Kaz ließen ihre Schnarch-Ankündigung wahr werden.

Wir (und mit uns der Rest des Aktiv-Urlaub-Hotels) standen um 4:30 auf, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang und fuhren zum Strand. Nach und nach kamen weitere Kleinbusse am Strand an und es war durchaus ein netter Anblick wie immer mehr Leute die Schritte vom Auto Richtung Meer machten und zufrieden nach dem besten Surfspot schauten.

10 Minuten nachdem wir ankamen leuchtete die Sonne am Horizont. Und ich hatte meine Kamera vergessen. Ich verzichtete darauf, mich zu sehr zu ärgern und schaute einfach stumpf aufs Meer und war überrascht, wie sehr mich das in Verzückung setzen konnte.
Es ist immer wieder überraschend, wie schnell so ein Sonnenaufgang doch vonstatten geht. Nach einer Minute war die Sonne vollständig zu sehen. Ich versuchte mit Augenmaß den Himmelsumfang zu messen und dachte "Moment mal, das sind doch niemals mehr als 200 Sonnenbreiten, bzw. 3 Stunden und 20 Minuten."
Wissend, dass dies wohl nicht die richtige Methode zur Berechnung der Sonnendauer ist ließ ich den Gedanken recht schnell sein.

Wir aßen noch unser von den Herbergseltern zubereitetes Frühstück (2 O-nigiri Reisbälle, Gürkchen, ein kaltes Würstchen, eine Scheibe roher Fisch) und zogen stiegen dann in unsere körperbetonenden Wetsuits.

Meine mutmaßliche Prellung hatte sich über Nacht nicht verbessert. Ich hatte mittlerweile wirklich nervige Schmerzen bei jeder Beugebewegung. Aufstehen aus dem Liegezustand ging nur, indem ich meinen Oberkörper mittels angewinkeltem Bein hochzog.

Dementsprechend halbherzig waren auch meine Rauspaddel-Versuche. Ich versuchte es mit verschiedenen Stellen im Wasser und sogar mit einem pathetischen "Jetzt-erst-recht und-Rocky-Musik-im-Kopf"-Anlauf. "Realität funktioniert so nicht" musste ich feststellen und ließ mich wieder zurück an den Strand treiben (10 Minuten hochmotiviertes Paddeln innerhalb 20 Sekunden zunichte gemacht).

Ich wachte mit brutzelndem Knöchel (beim Eincremen übersehen) auf. Kaz pennte noch neben mir und Muto-san (der sich innerhalb der 1,5 Tage vier kleinere Verletzungen zu zog) kam mit blutendem Knie aus dem Wasser. Ich machte ihn darauf aufmerksam und er lachte verzweifelt.

An einer Inselbäckerei, die Kaz von seinem bisherigen 3 Besuchen gut kannte aßen wir unser Mittagessen: Sandwiches mit Bulette, ordentlich Kraut und Mayonaise.
Am Hotel luden wir die Surfbretter aus, säuberten den gemieteten Wagen, packten schließlich unsere Sachen und wurden zum Pier gebracht.

Wir hatten für die Rückfahrt keine Schlafplätze reservieren können, denn es war der letzte Ferientag und ca. 80% der Menschen die sich bis zu diesem Tag noch auf den Inseln aufgehalten hatten mussten am nächsten Tag wieder auf dem Festland arbeiten. Am Pier hörte ich plötzlich ein "Hey, you're from Winnipeg?". Drei Kanadier waren auf mein Weakerthans-Shirt aufmerksam geworden und erzählten, sie hätten John K. Samson als 13jährige im Winnipegschen Jugendzentrum mit Propagandhi gesehen ("damals waren sie noch gu..", kleiner Scherz.)

Da die Fähre fuhr blieb wenig Zeit für Smalltalk und auf dem Weg hinein verloren wir uns aus den Augen. Wir waren recht spät an der Fähre, weshalb wir lange nach einem Schlafplatz suchen mussten. Decken gab es bereits keine mehr und nur Muto-san hatte noch eine Plastikunterlage von seiner Hinfahrt. Wir breiteten sie an einer leeren Stelle zwischen Dutzenden anderen Menschen auf dem Deck aus.
Erkenntnis: ich bin scheinbar sehr genügsam was die Voraussetzungen an einen Schlafplatz angeht. Nach einer Minute fand ich eine gute Schlafpose und verbrachte die Hälfte der Fahrt schlafend. Die andere Hälfte schaute ich mir mit Muto-san biertrinkend die Südküste Japans, Yokohama, Chiba, Haneda-Airport und Tokyo Bay im Allgemeinen an.

Nach 7 Stunden kamen wir um 18:00 in Takeshiba an, ich brachte Kaz noch sein Surfbrett zurück, und wir waren erstaunlich fit trotz der widrigen Reiseumstände.

Die gesamte Zeit haben wir keinen Moment über die Arbeit geredet, was einigermaßen unüblich ist, und mich ziemlich überraschte als es mir auffiel.

Da die Schmerzen in der Seite heute - einen Tag nach Ankunft - in bestimmten unnatürlichen Haltungen immer noch enorm waren ging ich zum Arzt (die sich hier alle in Krankenhäusern befinden, "Praxen" gibt es nicht), wo aber nichts weiter als eine Prellung diagnostiziert wurde.

Euch ist bestimmt aufgefallen: Fotos stehen auf Flickr.

September 21, 2009

Nach Niijima


Die nächsten 1,5 Tage werde ich auf Niijima verbringen.

Wir haben gerade die sogenannte "Silver Week", die uns ein langes Wochenende bis einschließlich Mittwoch beschert. Ich habe mich meinen Surfkollegen Muto-san und Kaz angeschlossen und werde heute Abend um 23:00 die Fähre nach Niijima besteigen. Die Fahrt soll 8 Stunden dauern. Ich bin gespannt auf die Schlafmöglichkeiten (angeblich nur ein abgeklebte Bereich auf dem Teppich pro Person).

Die Insel selbst sieht sehr super aus, aber irgendetwas sagt mir, dass ich nicht viel mehr sehen werde als den Strand und das Salz in meinen Augen.

Gestern holte ich noch kurz ein Shortboard aus Ost-Tokio ab (Kaz leiht es mir).
Aufgrund des Taifuns waren die Wellen vorgestern noch 15ft hoch, was ungefähr 5 mal so hoch ist wie die Wellen in denen ich sonst so zum Surfen imstande bin.
Inzwischen sollen sie sich auf 10ft verringert haben, aber auch das ringt mir noch einigen Respekt ab.

Sachen und vor allem der Fotoapparat sind gepackt. Dann geht's für mich kurz hin und her, denn ich habe eine Karte für "Videogames live" in Yurakucho, das in der Nähe vom Anleger liegt. Da ich aber schlecht Board und Tasche dort abstellen kann, muss ich wohl oder übel wieder zurück nach Kichijoji und den Kram holen, bevor ich schließlich zum Anleger kann. (Wenn mir jemand mal die Möglichkeiten bei Google-Maps zeigt, könnte ich sowas dort sogar mal aufmalen.)
Bis Mittwoch Abend.

Clubben mit Travis

(Ginza)

Vor circa zwei Monaten stieß plötzlich ein neuer Kollege zu uns in die Abteilung. Für mich plötzlich, weil ich aufgrund meines Urlaubs nicht an dem Gruppenmeeting teilnahm in dem dieses angeküdigt war.
Travis heißt eigentlich Toshiyuki, ist nur wenige Monate älter als ich und hatte die letzten fünf Jahre in unserer amerikanischen Niederlassung verbracht, wo er auch seinen Spitznamen verpasst bekam. Auch in Europa ist eine der ersten Handlungen bei neu vorgestellten japanischen Entsandten, ihnen einen kompatibleren Spitznamen zu geben, und die Japaner stehen drauf. Aus Yoshihito wird z.B. Joe, aus Koichi wird Ken, aus Hiroshi Henry und aus Tomoaki äh... Tom.
In den USA hatte Travis hatte er wohl auch seine japanische Frau kennengelernt, die jetzt allerdings nicht mehr in die Firma arbeitet.
Er wirkte von Anfang an recht unsicher, ich konnte es aber an nichts bestimmtem festmachen. Für mich persönlich ist er auf der Arbeit recht hilfreich, denn er kann häufig meine Beobachtungen der "lokalen" (USA und Europa) Märkte bestätigen und ich stehe nicht mehr so ganz alleine da oder "nur für Europa sprechend".

Travis bekam irgendwann mit, dass ich ab und zu mal in Clubs gehe und er fragte mich, ob wir mal zusammen weggehen wollen, er würde einen guten Club in Ginza kennen in dem man gut "Leute kennenlernen kann". Ich erklärte, dieser Club wäre vor allem Freitags ein Anlaufpunkt für "Adults", die nach der Arbeit noch in Kontakt mit anderen Leuten kommen wollen. Obwohl das ganze nicht unbedingt die Art von Club versprach, die ich mag sagte ich zu. Es versprach jedenfalls einige neue Aspekte japanischen Nachtlebens kennenzulernen.

Ich bekam die Seite des Clubs von Travis zugeschickt und wir machten aus, dass uns Samstag besser passen würde, weil Freitags Anzugspflicht herrscht und es vermutlich zu voll mit Salaryman wird. Samstag wäre "Casual as long as it's elegant". Rätselnd was das heißen würde, entschloss ich mich doch lieber auf Nummer sicher zu gehen.

Ginza ist der edelste Stadtteil Tokyos. Ich glaub, ich kann das einfach mal so deutlich schreiben. Viele traditionelle Kaufhäuser in denen jeder Kunde noch mit einer sehr tiefen Verbeugung begrüßt und verabschiedet wird, zahlreiche Flagships-Stores der teuersten Designerlabel und einer Architektur, die sich an Paris und London orientiert. Außerdem befindet sich hier das berühmte Kabuki-za-Theater. Kabuki-Schauspiel ist ein ganztägiges Ereignis bestehend aus mehreren Aufführungen. Prägnant und bekannt ist die Art wie die Schauspieler geschminkt sind.

Wir trafen uns um 20:00 vor dem Mitsukoshi-Kaufhaus und ich war mir relativ sicher, Travis würde nur bis zum letzten Zug im Club bleiben wollen. Wir suchten uns schnell ein Restaurant und fanden eines unter der Yurakucho-Line. Da die meisten oberirdischen Bahnlinien auf Brückensystemen ist direkt darunter Platz für viele kleine Restaurants. Wir gingen in ein relativ teures italienisches Restaurant, und bestellten einen Salat (zusammen), Pizza (ich) und Nudeln (Travis). Bei den Nudeln fragte Travis nach, ob das okay sei und ich wollte erst sagen "Klar, du kannst bestellen was du willst" als mir auffiel, dass Travis auch hier die "alles-was-auf-dem-Tisch-ist-wird-geteilt"-Nummer durchziehen wollte.
Wie in vielen Speisen hier war im Salat ein geschlagenes, nur ganz leicht angebratenes Ei. Japaner mögen diese fast-rohen Eier gerne. Ich hab mich damit inzwischen arrangiert.
Wir unterhielten uns über die Arbeit und ich hatte das Gefühl, Travis musste etwas loswerden. Er führte fast einen Monolog, auch weil ich ihm in vielem zustimmen konnte. Er schimpfte über die Prozesse, den nicht-vorhandenen Mut und fehlende Kompetenz vieler Manager und wie in unseren Abteilungsmeetings einige Leute so unvorbereitet rumdiskutieren, ohne ein Statement machen zu wollen.
Er machte für die schwierige derzeitige Situation vor allem die Tatsache verantwortlich, dass in den Neunzigern, zur Zeit des Wirtschaftsbooms (IT-Blase) in Japan unglaublich viele Leute eingestellt wurden (bis zu 400 im Monat), die im Anschluß an das Platzen der Blase aber nicht entlassen werden konnten (aus sozio-kulturellen Gründen). Da in Japan mit dem Alter automatisch Beförderung kommt sitzen nun in vielen "middle management"-Posten Leute, die nicht die Kompetenz haben und eigentlich nur durchgeschliffen wurden.
Ich selbst kann die Kompetenz vieler Manager nicht beurteilen, aber die Tatsache dass für jede Entscheidung nochmal alle Informationen zusammengetragen werden müssen und Manager keine Entscheidungen treffen, wenn sie selbst Informations- oder Projektionslücken mit Erfahrung oder Kompetenz füllen müssten, bestätigt das was Travis erzählte. Er meinte, dies wäre ein Problem von vielen japanischen Firmen und nun sei unsere Generation sehr begehrt, weil danach tatsächlich nur noch nach hoher Kompetenz eingestellt werden würde (30 von 4000 Bewerbern). Er würde jeden Monat zehn Angebote anderer Firmen bekommen. Ich fragte, ob diese seine Visitenkarte hätten, und er verneinte und sagte, er hätte online eine Standardbewerbung auf Arbeitssuch-Portalen laufen, aber nicht vor die Firma zu wechseln.

Nachdem dieses Thema mit gegenseitiger Bestärkung abgeschlossen wurde, dass wir den gleichen Handlungsbedarf ohne Handlungsbefugnis sahen gingen wir noch dazu über, wie schwer es ist, im Büro mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen. Er sagte, dass ihm vor allem aufgefallen wäre, wie strikt beim Mittagessen Frauen- und Männergruppen entstehen würden. Und er wäre sehr irritiert, wie schwierig sich unsere Mittagessensplanung mit den beiden so-irgendwie-halb-befreundeten Frauen aus der Auftragsbearbeitung gestalten würde. Tatsächlich wurde das Mittagessen jetzt schon häufiger jeweils um 1-2 Wochen verlegt, weil eine einzelne Person (mal Yukiko, mal Ricky) absagen musste. Ich hatte mich selbst nicht getraut vorzuschlagen, dass man ja auch ohne denjenigen losgehen könnte, weil ich befürchtete als gruppensprengender Sozialgrobian dazustehen.
Travis hatte zuvor immer außerhalb Tokyos gewohnt und kannte es auch anders. Wir überboten uns gegenseitig mit Bekundungen, wie verkrampft sich nicht-arbeitsrelevante Interaktion im Büro manchmal anfühlen würde.

Nachdem wir in 45 Minuten doppelt soviel Geld für unser Essen ausgaben wie ich mit Nozo in zwei Stunden gingen wir zum Club. Kurz vorher hielt Travis an und sagte: "Achso... ich... werde darin vermutlich mit fremden Frauen sprechen. Bitte sag es nicht meiner Frau."
Ich beruhigte ihn - vor allem weil ich seine Frau überhaupt nicht kannte - war aber gleichzeitig irritiert über die Vehemenz seines Vorhabens. Ich hatte natürlich erwartet, dass wir darin mit anderen Frauen sprechen würden, aber mir nichts weiter dabei gedacht. Für Travis schien es aber eine Grenze zu überschreiten.
Wir gingen in einen unscheinbaren Hauseingang, an dem wohl die "casual as long as it's elegant"-Kontrolle stattfand. Ich war wirklich auf Nummer sicher gegangen und trug schwarzes Hemd, Stoffhose und schwarze Anzugsschuhe. Travis war mit T-Shirt, Weste und Jeans wesentlich näher am "casual" dran. Wir zahlten die 4000 Yen für den Eintritt (wieder mal 30 Euro einfach so weg) und gingen hinein.
Der Club war dreistöckig und wir kamen im obersten an, in dem sich nur ein paar Sitzgelegenheiten und eine Bar befand. Von dort konnte man über ein Geländer auf die Tanzfläche hinunterschauen. Die Musik war erwarteterweise übelster Standard-R&B, der anscheinend genau richtig ist, wenn man mal ein bisschen Alibi-Tanzen will.
Travis war ab diesem Moment relativ unentspannt und verfolgte seinen Plan. "Is it okay if we first look around?" Ich folgte ihm und wir... schauten herum. Das Durchschnittsalter war etwas jünger als erwartet, aber es befanden sich auch einige Herren gehobeneren Alters im Club, die auf der Tanzfläche noch den lockersten Eindruck machten. Allen anderen merkte man deutlich an, dass Tanzen nicht das war, weswegen sie gekommen waren. Die meisten taten sich extrem schwer, einen Filter zwischen Gefühlswelt und Mimik einzubauen.
Wir hatten 6 Drink-Tickets bekommen, wovon 2 für einen einfachen Longdrink ausreichten. Ich bestellte mir Vodka-Tonic. Wir gingen wieder runter zur Tanzfläche und Travis sagte mir auf dem Weg "Sag bescheid, wenn du Augenkontakt hast." Ich erwiderte, dass ich mich da ganz nach ihm richten würde und nicht so ganz darauf aus sei etwas zu erzwingen.
Zwei Minuten später hatte Travis Kontakt mit zwei Frauen erzwungen, die schätzungsweise etwas jünger als wir waren. Er stellte mich vor, ich redete ein paar Brocken japanisch um nicht zu unhöflich zu erscheinen, ließ Travis aber die Kommunikationshoheit. Wir fanden heraus, dass sie ganz in unserer Nähe arbeiteten und Travis brüllte mir auf Englisch ins Ohr "I will invite them for lunch. If they dump us, we can go and look somewhere else."
Wenige Sekunden später bekam Travis (und ich wohl auch, so fair muss man sein) "Dame" zu hören, was ungefähr das direkteste Nein ist mit gleichzeitig überkreuzten Unterarme.
Im Nachhinein frage ich mich, ob Travis wirklich nur nach Mittagessen gefragt hat.
Ich versuchte mich ab dem Moment etwas von ihm loszueisen. Er war ja eigentlich ganz nett, aber diesen Kennenlernzwang wollte ich in dem Tempo und in dieser Willkürlichkeit nicht mitmachen. Er hatte wenige Minuten später die nächste Japanerin angesprochen, eine völlig unscheinbare End-Dreißigerin. Er ging an mir vorbei und deutete mir, wir können mit ihr "nach unten"gehen, wo die Musik leiser und weitere Sitzgelegenheiten waren. Ich wollte gerade sagen, dass er ruhig ohne mich gehen könne, als ich von einer Japanerin mit westlichem Anhang angesprochen wurde "Hey, where are YOU from?". Travis ging weiter und ließ mich mit den beiden allein.
Die Japanerin deutete auf ihre Begleitung, sagte nur "She's from Australia", machte eine Ihr-könnt-euch-ja-mal-unterhalten-Geste und ging weg. Wir unterhielten uns, und sagte der kleinen, rothaarigen Australierin, dass hier strange Dinge ablaufen würden. Dieser Zwang und diese Verzweiflung der Leute. Sie nickte nur und war vermutlich zu kurz im Club um es heftig zu bestätigen. Sie war seit drei Monaten in Japan und arbeitete mit ihrer Kollegin (die Koreanerin und nicht Japanerin war) irgendwo in der Energie-Industrie. Ich bin ja jedesmal wieder perplex, wenn ich Nicht-Japaner treffe und sie kürzer als ich hier sind. Ich gehe generell davon aus, dass ich hier ein Neuling bin und stelle häufig das Gegenteil fest. Sie sprach auch kaum japanisch.
Ihre koreanische Kollegin kam also wieder und fragte "So, do you like Japanese Girls?". Herrje.
Ich antwortete, dass ich keinen Japanerinnen-Fetisch hätte, wenn sie das wissen wollen würde. Sie antwortete mit "I like your attitude!".
Es war 22:45. Ich entschuldigte mich, ging aufs Klo und hörte ein bisschen Bundesliga-Radio mit meinem iPhone. Da ich kurz übersah, dass mein Kopfhörer ausgestöpselt war, schallte für ein paar Sekunden Günther Kochs Frankenorgan durch die Tokyoter Clubtoilette. Ein bizarrer Moment.

Ich kam gerade aus dem Klo raus, als Travis anrief und fragte wo ich sei. Wir trafen uns an der Treppe und holten uns einen weiteren Drink.
An der Tanzfläche sagte mir Travis, sein vorheriger "Fang" wäre 38 gewesen, aber er hätte jetzt ihre Telefonnummer. Ich versuchte irgendeine Art Ironie in seinem Gesichtsausdruck zu finden, aber da war nichts. Er fragte mich, ob ich lieber Tanzen oder mit Frauen sprechen wolle. Ich sagte, dass sich sowas doch von alleine entwickeln könne und wir gingen Tanzen. Travis deutete neben uns und sagte "Celebrities!". Ich sah nur eine Gruppe von Frauen, die etwas größer als der Rest der Japanerinnen auf der Tanzfläche schienen und für sich in einem Kreis tanzen. Ich fragte, ob er sie kenne, was er verneinte aber auf ihre "teuren Kleider und Accessoires" hinwies.
Zu der Gruppe gehörte auch ein älterer Japaner, der sich am stilmäßig sehr jugendlich gab und ich schätzte, es wären Models und deren Designer, Fotograf, was auch immer.
Ein Model, schaute gelegentlich zu mir rüber und tanzte sich - irgendwie in ihrer Formation bleibend - an uns heran. Ich überlegte schon, dass es bestimmt lustig käme, einfach mal vor Travis eine der "Celebrities!" anzusprechen, nahm aber nicht genügend Überzeugung zusammen und so tanzte sich ein Kanye West-Lookalike an sie heran.
Wir holten uns unseren letzten Drink - ich war immer noch stocknüchtern - und checkten die Uhrzeit. Noch 30 Minuten bis zum letzten Zug.
Obwohl der Club nicht mein Fall war, war mir das gehen um kurz vor 12 etwas zu früh. Der Club war gerade angenehm voll und der Eintritt zu teuer um es bei dem bisher erlebten zu belassen. Es war immerhin Samstag Nacht in Tokio.
Ich hatte aber auch Ann versprochen, um 1:00 online zu kommen, weil ich im Vorfeld nicht viel vom Club erwartet hatte. Dass meine Tanzlaune genau in dem Moment erwacht war nicht geplant.

Mit den Drinks in der Hand gingen wir wieder zur Tanzfläche und ich rief zu Travis "Okay, let's go in". Er schaute etwas entrückt und schrie "There are too many people!" "I don't care." antwortete ich.
Wir tanzen noch ein bisschen weiter, die Musik war inzwischen immerhin okay, denn jetzt kannte ich zumindest ein paar Lieder (die unvermeidlichen Beyoncé und Rihanna) und hatten plötzlich zwei junge kichernde Japanerinnen neben uns. Sie kicherten, unterbrachen immer wieder ihren Tanz um zu uns zu gucken und sich wieder anzukichern, und immer wenn ich zurückschaute fingen sie an noch hysterischer zu kichern und rumzuhüpfen. Travis fielen die beiden schließlich auch auf und er sprach sie an.
Bei fast jeder Information die wir ihnen erzählten (wir Kollegen, ich aus Deutschland, er vor kurzem noch in New York, ich wohne in Kichijoji, etc.) klatschten sie wie wild in die Hände und antworteten kieksig "Hontoooooou?!" (Echt?!) und "Sugoi!!" (Krass!).
Irgendwann zeigte Travis auf die Uhr und wir verabschiedeten uns. Travis gab ihnen noch seine Visitenkarte und sagte mir danach "They were funny, but I think they aren't smart." Tsehe.

Wir gingen wieder zur Ginza-Subway und verabschiedeten uns. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es das war, was sich Travis vom Abend versprochen hatte. Er schien jedenfalls die ganze Zeit eine klare Vorstellung zu haben, eventuell sogar eine bestimmte Anzahl Nummern klarmachen wollen. Er schien etwas ernüchtert zu sein.

Ich musste die Marunouchi-Line bis Yotsuya nehmen, wo ich dann in die Chuo-Line umstieg, die zum Glück oberirdisch verläuft. So konnte ich noch die letzten 15 Minuten Bundesliga-Konferenz hören, die tatsächlich mehr thrillten als der Rest des Abends.
Sollte mal mein Besuch Bock auf schnelle unkomplizierte Kommunikation mit Japanerinnen haben werde ich diesen Club empfehlen. Dort alleine nochmal hinzugehen kann ich nicht mit meinem Stolz und Gewissen vereinbaren.

September 19, 2009

Nozo

Obwohl es mal überhaupt keinen Grund dafür gab, war ich tatsächlich etwas aufgeregt vor dem Abendessen mit Nozo. Sie schrieb noch am selben Tag, dass sie ab 21:00 dann Feierabend machen würde, dass Neri nicht mitkommen könnte, und ob sie alleine trotzdem okay wäre. Daijoubu da yo! (Geht klar!)

Ich machte an diesem Tag für 18.Stock-Verhältnisse unverschämt früh um 18:30 Feierabend. Ich war allerdings auch zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich an diesem Tag zwecks Videokonferenz mit den USA ab 7:30 im Büro war und danach quasi ununterbrochen andere Meetings stattfanden. In letzten döste ich mehrere Male weg.

Als ich um 20:58 auf die Uhr guckte war ich an der letzten Ampel vor dem Friseur angekommen. Überall Menschen und auf meinem iPod die letzten 80 Sekunden von "PDA" von Interpol, die den Moment nochmal ein Stück aufregender werden ließen.


Nozo saß im Laden auf einem Sofa am Eingang und machte überhaupt keine Anstalten nicht den Eindruck erwecken zu wollen nur noch auf meine Ankunft gewartet zu haben. Weiter hinten standen Neri und der Tenshou (=Chef des Ladens) an einer Echthaarpuppe und unterbrachen die Trockenübung um Nozo zu verabschieden, interessiert zu schauen (Tenshou) und mir zu winken (Neri).

Nozo und ich gingen in eine Izakaya in der Nähe und meine Befürchtung keine richtigen Gesprächsthemen zu finden, weil wir alle Smalltalk-Themen schon bei meinen Friseurbesuchen abgehakt hatten verflüchtigte sich sofort. Wir verbrachten zwei sehr unterhaltsame Stunden damit zu entdecken dass es doch noch sehr viel mehr Small- und nicht-so-Smalltalk-Themen gibt.
Da Nozo keinen Alkohol vertrug, bestellten wir uns über den am Tisch angebrachten Touchscreen Grapefruit-Saft und später Calpis. Zum Essen bestellten wir Salat, Mini-Pizza, Lachs-Sushi und Okonomiyaki. Ich erwähnte es bestimmt bereits: in Izakayas bestellt man nicht für sich, sondern für die Gruppe, daher wäre es unhöflich nicht auf die anderen Personen Rücksicht zu nehmen. Vor allem wenn man nur zu zweit ist, klar. Die Gerichte werden dann auch in die Mitte des Tisches gestellt und man nimmt sich kleine Portionen auf seine Teller (7-8cm Durchmesser).

Nozo erklärte direkt, dass Neri sehr gerne mitgekommen wäre, aber derzeit für eine Friseurprüfung übt, die in der nächsten Woche stattfindet. Beim nächsten Mal würde sie aber mitkommen. Nozo selbst war etwas mehr als sonst geschminkt, was immer noch sehr dezent ist. Allgemein ist sie eine ziemlich natürliche angenehme Person, die Instant-Emotionen nicht so sehr in Mimik und Betonung ausdrücken muss wie viele andere Japaner. Sie ist nicht zur Universität gegangen, sondern direkt auf eine technische Schule auf der sie sich zur Hairdresserin hat ausbilden lassen. Mit 25 ging sie für ein Jahr nach England, ohne großartig Englisch sprechen zu können. Sie reiste zu dieser Zeit auch durch halb Europa (Paris, Barcelona, Lissabon, Rom, Prag, Istanbul). Außerdem hat sie Angst 30 zu werden (sie ist 5 Monate älter als ich). Ihr einziger freier Tag in der Woche ist der Dienstag.
Ich gebe zu, so richtig deep waren unsere Gespräche noch nicht.
Die Izakaya war allerdings - wie es die Natur von Izakayas ist - recht laut. Vor allem eine Japanerin vom Nebentisch (getrennt durch so einen halbdurchsichtigen Gazevorhang, um Privatsphäre vorzugaukeln) überdeckte häufig Nozos Stimme.

Das Thema, bei dem wir am meisten connecteten waren dann die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man eine Sprache nur rudimentär spricht, vor allem das Problem sich nicht so ausdrücken zu können wie man will und immer an denselben begrenzten Wortschatz und dieselben grammatikalischen Bausteine beschränkt ist. Im Gegensatz zu Gesprächen, die ich hier nur auf japanisch führen kann, sind Gespräche mit englisch-sprechenden Japanern immer kleine Offenbarungen und ich bin dankbar für jede Emotion oder humorische Wendung die ich dadurch anbringen kann. Und Nozo bestätigte dies nachdrücklich. Man fühle sich wie ein Sozialkrüppel.
Gespräche rein auf Japanisch (z.B. mit Shoichi (DJ) und Shoichi (Jetski-Typ)) ermüden mich mit der Zeit sehr. Das liegt zum einen an meinen am Rande ihrer Kapazität arbeitenden Synapsen, zum anderen weil ich mir und meinen größtenteils langweiligen stumpfen Ausführungen selbst zuhören muss.

Das Abendessen mit Nozo war zumindest ein Anfang. Einige von meinen sprachlichen Unsicherheiten festigten sich auch im Laufe des Gesprächs. Sie fand außerdem ein gutes Mittelmaß mich ab und zu zu korrigieren aber es auch nicht zu einer Unterrichtsstunde verkommen zu lassen.

Wir haben kein weiteres Treffen ausgemacht. Ich will es spontan belassen und auch nicht zu einem Zwangstermin für sie werden lassen. So oder so bin ich jedenfalls froh die Idee aus dem Ramen-Restaurant umgesetzt zu haben.

September 16, 2009

Hetakuso

Gestern brummte während des Mittagessens mit Muto-san eine Mail von Nozo auf mein Handy.


"Hi, this is Nozo from bis38 (Name des Friseurs),sorry for sending mail too late,,,
17th I'm not sure i cango out for dinner yet,it depends on
work.
anyway mail u later,,"


Darunter auf japanisch (hier zur Vereinfachung in Romaji):


"hetakusona eigo de gomen nasai
mata meeru shimasu
nozo"

Der letzte Absatz bedeutete "Sorry für extrem ungeschicktes Englisch. Maile dann nochmal."
(Personalpronomen wie "ich" und "mein" werden im japanischen fast durchgängig weggelassen, wenn sie im Kontext klar sind).

"heta" bedeutet ungeschickt/schlecht. Hetakusona kannte ich nicht und Muto-san erklärte es mir feixend. kuso bedeutet "Scheiße". Direkt übersetzt schrieb Nozo also "Sorry für mein scheiße schlechtes Englisch", was ich sehr lustig fand, denn ich hatte Nozo nicht als so... vulgär eingeschätzt.Muto erklärte mir kurz danach aber, dass es so direkt nicht übersetzt werden kann, sondern einfach nur "extrem ungeschickt" heißt, ohne Vulgarität.

Während wir so bei dem Möchtegern-Italiener saßen und ich meine Chorizo-Sojasauce-Spaghetti aß erklärte mir Muto-san also hetakuso ("It's 'Scheiße!" or 'Bullshit'"). Ich fragte, ob man kuso auch mit anderen Wörter verbinden könne und Muto-san wurde rot und sagte "Okii koe de iwanai no hou ga ii desu." (Sprich es besser nicht laut aus.) Er sagte es auf japanisch, weil wir uns gerade vorher über diesen Satzbau unterhalten hatten und er ziemlich gut darin ist, es direkt anzuwenden, wenn es passt, so dass sich bei mir Lerneffekt einstellt.
Ich lernte, dass kuso alleine eine deutlich krassere Wirkung hat als in Kombination mit heta.

Später antwortete ich Nozo auf japanisch, dass ihr Englisch absolut nicht hetakuso ist und Donnerstag ab 21:00 okay für mich wäre. Sie solle einfach Bescheid sagen, wenn es passt.

Mein erstes japanisches Schimpfwort.


P.S.: wenn man "hetakuso" also Kanjis (下手糞) im japanischen Google sucht findet man direkt auf der ersten Seite zweimal das Photoshop-Desaster von Kim Jong-Ils Schatten.

September 15, 2009

Tageblog: Samstag 12.09.09 - Teil 2

[Ich muss dringend einen Kurs für „Zusammenfassungen von mittelmäßig-spannenden Tagen in interessanter Kurzform“ belegen. Bis dahin muss es folgender Eintrag sein.]

Sehr angetan von meiner Gewilltheit, heute diesen Punkt auf meiner nicht-existenten Liste der in Tokyo zu erledigenden Dinge, schaute ich mir zu Hause nochmal ein paar Meinungen zum Ageha im Internet an.
Der Tenor war: „Unglaublich riesig, der fetteste Sound, bis zu 5000 Leute, 4 Tanzflächen, Außenanlage mit Pool, Wahnsinn, etc.“.
Musikalisch irgendwas zwischen Techno, House und Hip-Hop, also so ziemlich dasselbe was unerklärlicherweise in 95% der Clubs hier läuft. Allein deshalb würde sich meine Begeisterung in nüchternen Grenzen halten.
Praktischerweise gibt es von Shibuya einen Gratis-Shuttle-Bus der einen direkt vor dem Ageha absetzt und auch noch die ganze Nacht viertel bis halbstündig durchfährt.
Nach dem Friseur (5250 Yen, die es mir aber jedesmal wert sind), war ich bis auf 2 1000er Yen-Scheine relativ blank, aber bei irgendeinem Kombini auf dem Weg würde ich schon Geld ziehen können.

Ich fand noch ein Yunker Kotei (in der noch mehr knallenden „Royal“-Version), das ich an irgendeinem Freitag gekauft hatte aber aufgrund vorzeitigen Abbruchs jeglicher Weggehpläne nicht mehr gebraucht hatte.
Ich trank ein Grapefruit-Chu-Hi - das jetzt aber wirklich mein letztes war - im Eiltempo aus, und das Yunker Kotei Schlangenserum hinterher. Es schmeckt definitiv nicht besonders gut, nichtmal nach Medizin, sondern einfach nur scharf.

Ich lief am 7/11 in meiner Straße vorbei und nahm mir vor in Shibuya in der Nähe vom Bus Geld zu ziehen. In der Bahn zogen drei bereits überschminkte blondierte Japanerinnen ihr Make-up nach; sie wurden kurz vor Shinjuku fertig.
Auf dem Ankunftsgleis konnte ich in die Yamanote-Ringlinie umsteigen, die noch eine Ecke voller war.
Shibuya ließ sich da auch nicht lumpen. Ein einziger Menschenstrom. Mal eher in die Station hinein, mal aus der Station hinaus. Ich ging aufs desaströs nach Pisse miefende Bahnhofsklo und dann beim Hachiko-Exit raus. Der Ausgang liegt direkt an Shibuya-Crossing, und das Bild das sich einem zu dieser Zeit bietet sieht ungefähr so aus.

Auch wenn ich mich dort mittlerweile schon mehrmals mit Shoichi getroffen hatte sorgt der Anblick jedes Mal wieder für einen gepflegten Endorphinschub.

Ich bog nach links ab und machte mich auf den Weg zu der Busstation des Ageha-Shuttles, das auf der Website beschrieben war. Einen Kombini gab es auf dieser Seite nicht und so ging ich an einen Automaten, der sich an einer anderen Stelle im Bahnhof befand. Ich drückte meinen Pincode und bat um 12000 Yen. Der Automat ratterte zufrieden, spuckte meine Karte aus und dann..... nichts.
Ich probierte es noch einmal mit demselben Resultat. Diesmal versuchte ich noch die Nachricht auf dem Bildschirm zu lesen, konnte „Öffnungszeit“ und „dekimasen“ (nicht möglich).
Ich lief weiter zu einem Kombini, die ja wohl deutlich verlässlicher sein müssten als dieser bekloppte Bahnhof-ATM.
Family Mart, don’t break my heart.
Verdammt. Diesmal erkannte ich im Display, dass irgendwas mit “Mitsubishi-UFJ“ (meine Bank) nicht stimmte. Ich wurde langsam etwas nervös, denn 2000 Yen würden mit Sicherheit nicht für den Eintritt reichen.
Vergeblich zum nächsten Kombini gerannt.
Inzwischen war ich bereits einmal um den Bahnhof herum und die Gitter zu den Eingängen wurden heruntergelassen. Wenn das mit dem Geld nichts würde, würde ich hier festsitzen, bzw. vor dem Ageha. Auch der Lawson wollte mir kein Geld geben. Inzwischen wurde mir klar, dass die UFJ-Anbindung an die öffentlichen ATMs heute irgendwelche größeren Probleme hatte. Es gab zwar drei Filialien in der Nähe, aber die hatten bereits alle seit 21:00 geschlossen.
Mir fiel meine Kreditkarte ein, die zum selben Konto gehörte und ich fand einen Visa-Automaten neben einer unwirtlichen Gaijin-Kneipe in der Bryan Adams Lieder von mutmaßlichen Engländern oder Australiern gegröhlt wurden.
Blöderweise hatte ich meinen Visa-Pincode nicht im Kopf und mein normaler Pincode funktionierte nicht.
Ich zählte noch einmal mein Geld durch und fand doch noch zwei 500 Yen Stücke und ein bisschen mehr Kleingeld in meiner Tasche, mit dem ich immerhin auf 3500 Yen kommen würde, und was dann für den Eintritt mit Glück eventuell reichen könnte.
Ich hoffte auf mein Glück und ging Richtung Bushaltestelle.
Es war mittlerweile kurz nach 1:00. Ich sah einen Reisebus und davor einen Menschen mit „agh“-T-Shirt. Nachdem ich meine „Registrierter Ausländer“-Karte vorzeigte durfte ich hinein. Dort saßen sechs Personen, vier nicht großartig unterscheidbare Disco-Japanerinnen und zwei unscheinbare Japaner.
Ich nahm einen Platz im hinteren Drittel und schaute auf die Monitore, die das Programm des Agehas am heutigen Tag und den nächsten Wochen vorstellten. Es lief entsprechende Musik, die aber so schlimm nicht war. Bei einem der zukünftigen Events sah ich den Preis „4000Yen Ageha-Members, 4500Yen Non-Members“. Na großartig.
In dem Moment stürzte eine Gruppe bestehend aus ein paar Japanern und Gaijin-Frauen durch den Gang und plötzlich hatte ich einen Sitznachbarn
„OK to sit here?“. Sicher.

Um mich herum saßen drei Japaner, die Gaijins besetzten kollektiv die letzten beiden Reihen und ließen ihrem Prä-Adoleszenz-Party-Gebölke freien Lauf. Der Japaner neben mir schaute mich merkwürdig auffordernd an, schaute dann fragend zu seiner pummeligen japanischen Freundin, die irgendwie verschreckt den Kopf schüttelte und dann guckte mich der Japaner wieder an.
Ich stretchte innerlich schonmal meine Smalltalk-Muskeln.
Taka ist Student in Edinburgh und macht nun mit seinen englischen Kommilitonen Urlaub in Tokyo. Die Kommilitonen würden allerdings hierbleiben und ein Auslandssemester in Tokyo starten. Hätte ich ihn nicht gesehen, hätte ich niemals einen Japaner hinter der Stimme erwartet. Ich legte ihn unter „Der erste Japaner, aus dessen Mund ich das Wort ‚intriguing’ hörte.“ ab. Er nutzte es im Zusammenhang mit Tokyo, über das wir uns beide angemessen begeistert äußerten. Er fragte, was ich hier mache, ich erzählte es ihm grob, er hakte nach, was genau und ob ich mit anderen Ausländern zusammenarbeiten würde, wie lange ich das machen würde etc. Irgendwas stimmte aber nicht, seine Sätze strahlten Interesse aus, aber seine Mimik glitt immer in völlige Gleichgültigkeit ab.
Auf meinen Kommentar, dass sein Englisch vermutlich das beste ist, das ich jemals von einem Japaner hörte erklärte er, dass läge daran, dass er schon mit 12 nach England gegangen wäre. Ich: „Äh, mit Familie?“ Er schüttelte den Kopf und sagte etwas unverständliches, aber es klang nach „Just so.“ Danach begann ein kurzer bizarrer Monolog. „If you’re hungry, they’ll feed you, if you need a coat, they’ll give it to you. If you need a place to sleep, they’ll help you.”
Wir schwiegen.

Irgendwann fragte er: „Und, was treibt dich so nach Tokyo?“. Ich sah in seine geweiteten glasigen Pupillen. Na geil.
In dem Moment schwang sich auch schon ein Australier vor mich und riss das Gespräch an sich, was einfach war, denn Taka war in eine Art Wachschlaf gefallen und ich völlig perplex.
Shaun war etwas jünger als ich und hier ebenfalls nur im Urlaub (bereits zum vierten Mal), aber zum ersten Mal auf dem Weg ins Ageha. Er war ziemlich okay und angenehm betrunken. Im Prinzip unterhielten wir uns über Musik, Tokyo und Japan im Allgemeinen und relativ schnell trat das ein, was ich befürchtet hatte: der erste Gaijin, mit dem ich ins Gespräch komme stellt sich als extrem angenehmer und freundlicher Mensch heraus.
Später kam ein zweiter Kumpel dazu, der wohl der Mitbewohner von Taka in Edinburgh war und jetzt hier für ein Jahr in Japan studieren würde. Die Info wie hier die Engländer-Japaner-Gruppe mit dem Australier zusammenpassten bekam ich nicht mit.
Was ich ebenfalls fast verpasste war der teils großartige Anblick, der sich einem vom Bus aus bot. Da Shin-Kiba, der Ort in dem sich das Ageha befindet, auf der Ostseite des Tokyo Bays liegt fuhren wir über eine lange Brücke und sahen in ein paar Kilometern Entfernung die Skyline und die Riesenräder der Vergnügungsinsel Odaiba.
Schon deswegen war ich froh, mich heute hierzu entschlossen zu haben.

Mir fiel wieder ein, dass ich vermutlich ein Geldproblem haben würde und fragte Shaun ob er wisse, wieviel heute der Eintritt wäre. Als er verneinte, erzählte ich peinlich berührt meine Geschichte. Er wunk sofort ab und sagte, ich soll mir mal keine Gedanken machen, er könne mir was leihen. Sei nicht so nett, Arschloch.

Wir kamen an einer Lagerhalle im Niemandsland an.
Schon beim Bus war ich überrascht, dass er so leer war und auch vor der Halle war kaum etwas los. Ich würde doch nicht etwa wieder in einem ¾-leeren Club landen.

Die Gruppe, die insgesamt aus 12-14 Personen bestand musste sich erstmal sammeln und da ich mich nicht dazudrängen wollte, deutete ich Shaun, dass ich vorgehen würde, schon allein um die Bezahlmöglichkeit auszuchecken.
Die Absperrbänder vor der Halle waren definitiv für einen Massenansturm gemacht, ich konnte allerdings direkt bis zur Ausweiskontrolle durchlaufen. Zwei Mädchen räumten Taschen in Schließfächer, sonst war dort niemand. An der Ausweiskontrolle erkundigte ich mich nach Visa-Bezahlmöglichkeit, was direkt bejaht wurde. Geilo.
Die Kasse bestand aus drei schwarzlicht-neongrün beleuchteten Fenstern hinter denen uniformierte Frauen saßen. Eintritt 4000 Yen. Ich legte meine Karte an den Durchgabeschlitz, bekam die „No no.“-Geste und die Karte wieder zurückgeschoben. Raus zum Türsteher, der gerade die Aussie-Engländer-Japaner-Gruppe kontrollierte. Auf mein verwirrtes „Visa ga ikenai.“ („Visa geht nicht.“) erklärte er mir, Eintritt ginge nicht, aber Alkohol könne man an den Bars damit kaufen. Also doch zu Shaun, der mir sofort 500 Yen gab und fragte ob ich noch mehr bräuchte. Ich verneinte und versprach ihm, es in Drinks zurückzuzahlen (vermutlich wäre es rein preislich schon mit einem Softdrink abgegolten).

An der Kasse bekamen wir ein Ticket, auf dem viel Text und ein großes „1500 Yen“ stand. Wir hielten es für ein Drink-Ticket. Bevor wir wirklich reinkonnten mussten wir noch durch eine Abtastkontrolle. Ich packte iPhone, Schlüssel und Portmonnaie in einen kleinen Kasten und ließ mich abtasten. Selbst zusammengeknüllte Papiere wurden aus meinen Hosentaschen gezogen und kontrolliert. Dann waren wir drinnen und standen in einer Art Vorraum der größer war als das Que in Shimokitazawa. Aber das war auch nicht schwer. Es war ziemlich futuristisch und so stylisch, wie sich Club-Bauer in den 00er-Jahren halt Style vorstellen. Wir liefen zur Bar, und ich verschob meine Abgeltungs-Aktion auf später zu verschieben, da wir ja offensichtlich Drinktickets hatten.
Ich nahm Jägermeister-Cola. Lange nicht getrunken. Das Drink-Ticket war kein Drink-Ticket, sondern Rabatt für den nächsten Besuch.
Im Vorraum war hinter eine Ecke bereits eine kleinere Tanzfläche zu sehen, bei der ich aber nicht sicher sagen konnte, ob es hier schon als „Floor“ galt. Wir gingen in den größeren Raum, aber ich stellte fest, dass die Gruppe auch ohne mich gut auskam, warum auch nicht und wollte mich nicht weiter aufdrängen.
Das hier ging schon ganz gut als größere Tanzfläche durch, und es war tatsächlich auch ziemlich voll. Zumindest war die Tanzfläche zu ¾ gefüllt und nicht leer. Das konnte ich deswegen so genau erkennen, weil hier in Japan – ähnlich wie bei einem Konzert – alles vor dem DJ tanzt. Und es tanzt auch niemand mit dem Rücken zum DJ, zumindest die Japaner nicht. So war dann das letzte Viertel der Tanzfläche verwaist.
Über ca. 10 Treppenstufen kam man zur Tanzfläche hinunter.
Die Musik war angenehm bratzig und nicht der müde Trance-Techno, den ich erwartete. Aber was weiß ich schon. Ich muss vermutlich meine Techno-Vorurteile nochmal richtig justieren. Es klang jedenfalls nicht so, wie ich mir Dream Dance 47 (mit dem CGI-Delphin-Cover) vorstellte.


Wieder konnte ich ein Phänomen beobachten: westliche Frauen tanzen hier fast alle so „Wuuuh“-mäßig überdreht mit den Armen nach oben. Ihr fallt doch eh auf, jetzt übertreibt es doch nicht.
Am meisten Spaß hatte ich an den Lasern. Drei Laser-Systeme nebeneinander über dem DJ, und noch eines gegenüber. Ich wusste nicht, zu welchen Farben und Formen die überhaupt im Stande sind. Auf dem „Wire“-Festival wurde das schonmal angedeutet, hier war es nochmal eine Stufe Kinnlade-aufklappender. Es macht keinen Sinn, das zu beschreiben. Malt euch schöne Tron-Speed-Trips in Pastellfarben aus, oder sowas.

Die Tanzfläche war groß, konnte aber bei weitem nicht mit den erwarteten Superlativen mithalten. Im Umland Hannovers gibt es größere Großraumdiskotheken (habe ich gehört).
Aber warum sollte die Disco auch soviel größer sein, als andere Diskotheken auf der Welt, wo hier doch eh so gut wie alles im Miniaturformat ist.

Da ich mich bei der Musik nun wirklich nicht in Ekstase tanzen konnte, suchte ich den Pool.
Die Treppenstufen wieder hoch und meinen Gang zum Ende der Halle fortgesetzt. Man kam über weitere Stufen zu einer zweiten Bar und dann nach draußen. Der Pool war mickrige 4x4m groß.
Ich glaub mittlerweile ernsthaft, dass die meisten Leute die über Tokyo schreiben Angst davor haben, Erwartungshaltungen beim Leser nicht zu erfüllen. Das hier ist alles anderes als „Huuuuuuuge!“ und auch kein „Sick Club“. Der Club geht okay und ist für Leute, die auf die Musik steilgehen bestimmt ne super Adresse, aber man muss ja aufgrund der Stadt nicht gleich durchdrehen.
Die Musik am Pool war noch besser und ich blieb dort bestimmt 1,5 Stunden. Der Pool befand sich am Tokyo Bay und die Atmosphäre war ziemlich super. Zudem wirkte mein Yunker Kotei Getränk immer noch zuverlässig.
Insgesamt waren deutlich weniger Gaijins anwesend als ich erwartete. (Ich hab mich diesbezüglich bald mal locker gemacht, versprochen).

Am Pool stand nur eine Blonde mit Pferdegesicht und nach obengestreckten Armen. Jemand muss Frauen mal sagen, dass es nicht gut aussieht wenn man beim Tanzen die Füße immer abwechselnd mit der Innenseite nach vorne stellt. O-Beine galore und fast so schlimm wie Ententanz-Pump-Bewegungen mit angewinkelten Armen.
Ihr hin und her mäandernder Blick zeigte relativ deutlich, dass sie Aufmerksamkeit brauchte, bzw. auch bekam. Nichts neues.
Was relativ zuverlässig funktioniert, ist sich irgendwo zwischen die Leute zu stellen, etwas ausladendere aber einfache Tanzbewegungen zu machen und dann beim Tanzen Blickkontant zu suchen. Passiert mir ab und zu versehentlich, aber sobald ein kurzer Blickkontakt hergestellt ist, ist es zu spät. Dass es einem begeistert nachgetan wird, ist so gut wie immer der Fall.
Das unvermeidliche „Ahh, German, Ballack, Schweinsteiger“-Gespräch hatte ich auch noch. Der Typ fragte mich, mit wem ich hier sei, worauf ich „Allein“ erwiderte, was ihn wiederum anspornte, mich – während er auf eine in der Nähe stehende Mädchengruppe zeigte - zu fragen „Who do you want?“. Ich winkte ab. Allgemein sah ich keine Japanerinnen, die ich irgendwie interessant fand, mal ganz davon abgesehen, dass ich solche billigen Bekanntmachungs-Geschichten eh nicht abkann, weil sie allein der Tatsache geschuldet sind, dass ich Ausländer bin. Eine Mischung aus Respekt davor so etwas nicht auszunutzen und Verärgerung darüber für so billig gehalten zu werden.

Typ ließ mich dann in Ruhe, konnte sich aber auch ein späteres „Ey, German, having fun?!“ nicht nehmen lassen.

Ich ging wieder rein, denn ich hatte ja noch etwas zu begleichen. Ich sah Shaun mit zwei Engländerinnen und einem weiteren Westler den ich vorher nicht gesehen hatte an einem Tisch stehen und bestellte schnell zwei Calpis-Wodka.
Shaun machte mir Platz am Tisch und wollte den Drink erst nicht annehmen. Ich sagte, dann soll er ihn halt verschenken, aber er soll ihn annehmen, immerhin wäre ich ohne ihn wohl nicht hier drin. Ich fragte ihn, wie er es hier fände und er gab ein „Yeah, it’s alright“ von sich, das auf der 1-10-Begeisterungsskala irgendwo zwischen 1 und 2 rangierte.
Shaun stellte mir noch den Vierten am Tisch vor. Franzose, aber den Namen vergaß ich. Er machte ein mir spontan enorm sympathisches „Ich steh hier eigentlich nur grad, lass mal nicht zuviel Aufhebens machen, ´kay?“-Gesicht und sprach bis auf das „Hi.“ wirklich kein Wort.

„You knauw Bloc Pa-ay?“ fragte die dunkelhaarige Engländerin an niemanden speziell gerichtet. „They are sooo a-maaaaazing! A-MAAAAAAZING“. Shaun und ich sagten, das erste Album wäre geil gewesen, der Rest eher nicht so, was sie sehr empörte.
Ich fragte spontan, ob sie die Maccabees kenne (so als Enländerin, ne), was sie verneinte und mich empörte. Ich sagte, sie müsse die mal auschecken, wenn sie Kram wie Bloc Pa-ay möge, worauf sie erwiderte, sie fände sie eh hauptsächlich wegen des hotten Lead-Singers so geil. Frauen.
Ich erspähte ein Vorankündigungsplakat. Diplo würde in der Silverweek (das nächste lange Wochenende) hier auftreten. Leider werde ich dann auf Ni-Jima (Insel südlich von Tokyo mit Muto-san surfen).
Ich fragte in die Runde, ob jemand Diplo kenne, worauf die andere rothaarige Engländerin diese „Boah hör auf“-Geste mit der am Hals hin und her pendelnden flachen Hand brachte. „He’s shite! He’s so fucking shite. You know 2 Many DJ’s? Amaaaazing!“

Wurde mir irgendwann zu blöd. Ich sagte, ich würde wieder reingehen, was Shaun, Ginger-Spice und Posh-Spice eine super Idee fanden. Der Franzose wurde noch sympathischer, als er ein „Ne geht mal, ich komm gut alleine klar.“-Gesicht machte. Der konnte aber auch gute Gesichter machen.

Auf der Tanzfläche löste ich mich von den dreien und ging wieder zum Pool, wo die O-Bein-Blonde immer noch mit den Armen nach oben tanzte.
Ich stellte mich irgendwo hin und war zufrieden mit dem Abend. Ich bin hier aber auch relativ leicht zufriedenzustellen. Was die Disco jedenfalls angenehm macht, ist das unprollige Ambiente und allgemein so gut wie keine Spacken. Selbst die meisten Gaijins halten sich trotz gelegentlicher Attention-Attacken angenehm zurück.
Taka sah ich gar nicht mehr, genausowenig wie seinen Mitbewohner.
Draußen kam mir noch einmal der Franzose entgegen und wir nickten verständnisvoll einander zu.
Es wurde 5:00 und ich machte mich auf dem Weg zum Bus. Am Ausgang bekam jeder noch eine Tüte mit Werbung in die Hand gedrückt, die auch jeder brav mitnahm und nicht beim nächsten Mülleimer wegschmiss.
Für den Rückweg brauchte man anscheinend ein Ticket, das man im Ageha hätte kaufen können und ich entschloss mich, die Bahn zurückzunehmen. Die Station sah ich in guter Entfernung.
Ich traf dort Taka wieder, der immer noch ziemlich benommen wirkte, aber nach meiner Telefonnummer fragte, weil die anderen ja bestimmt mal was mit mir unternehmen könnten. Unfähig eine gute Ausrede oder eine falsche Nummer zu sagen, gab ich sie ihm.
Mit der Yurakucho-Line ging es nach Iidabashi, wo ich dann in die Tozai-Line stieg.
Um 6:30 war ich zu Hause.

Liebes Tageblog, danke für’s Durchhalten.

September 14, 2009

Tageblog: Samstag 12.09.09 - Teil 1


Liebes Tageblog,

mein Samstag war folgendermaßen:

Ich war am Vorabend um 3:00 ins Bett gegangen, nachdem ich mich spontan mit Aprikosenschnaps und Chu-hi betr... naja, ich trank es. Mein Schlaf war sehr gut, auch weil ich mich nach dieser Arbeitswoche mental völlig verprügelt fühlte. Ständig wurden den guten Plänen Steine in den Weg gelegt, die sich "interne Prozesse" nannten, und die in den Raum gestellt wurden wie etwas naturgegebenes, das man nicht ändern könnte. Die Prozesse sind teilweise jahrzehntealt und haben mit "Software-Business" wenig zu tun. Jeder weiß, dass das ein Problem ist, aber trotzdem wird sich verhalten als wäre man mit einem unabwendbaren Fluch belegt. Manchmal wird darauf verwiesen, dass diese Prozesse ja im nächsten Jahr geändert werden sollen, um nochmal zu verdeutlichen wie machtlos man bis dahin ist.
Jedenfalls ist es derzeit etwas zermürbend und Wochenenden können da ja ganz schön befreiend wirken.

Da in 3 Wochen meine Familie (Eltern und Schwester) zu Besuch kommt und ich für Ann's Zimmer und sich für's nächste Jahr angekündigten Besuch ein weiteres Bett brauche fuhr ich zu Ikea.
Auf dem Weg von meiner Wohnung zum Bahnhof rief ich noch bei meinem Friseur an, denn meine Frisur wurde langsam Visual-Kei fähig (gibt's eigentlich zu jedem Thema so ein Funpic? Ich würde mir alle angucken).
Ich machte einen Termin drei Stunden später aus und lief zur Tozai-Line, mit der ich direkt in den Osten Tokyos fahren kann. Genauer gesagt in die Präfektur Chiba, die technisch nicht mehr Tokyo ist, auch wenn man - wie eigentlich auf der ganzen Südost-Seite keinerlei sichtbaren Übergang zwischen den Präfekturen hat.
Eine Stunde später war ich in Nishi-Funabashi angekommen, wo ich traditionell in einen anderen Zug als den zum Ikea in Minami-Funabashi umstieg. (Minami = Süd, Nishi=West, Fune/Funa=Schiff, Bashi/Hashi=Brücke). Dadurch wurde ich immerhin Zeuge des seltenen Schauspiels eines japanischen Pärchens, das sich für hiesige Verhältnisse relativ ungeniert in der Öffentlichkeit betatschte (Typ drückte ihr immer am Busen herum, was sie wohl ganz schön fand).

Während des nächsten ungeplanten Umstiegs (ich war mittlerweile 1 Stunde 20 Minuten unterwegs) errechnete ich, dass ich den Ikea in 30 Minuten durchziehen musste, um rechtzeitig beim Friseur zu sein. Auch wenn ich die obligatorischen "Miitobooru" (Meatball, Kötbullar) ausließ wäre das völlig utopisch.
Bett gesucht, gefunden, Lieferung und "Pick-up" (3000Yen dafür, dass ich den Kram im Warenlager nicht selbst zusammensuchen muss) veranlasst, auf dem Weg noch Decke, Kissen, Bettbezüge in den Wagen geschmissen und ab zur 20m-Schlange an der Kasse. Ich wählte die Nummer des Friseurs und entschuldigte mich im Voraus für 30min Verspätung. Zum Liefertresen, Lieferung bezahlt (6400 Yen) und für nächsten Samstag morgen bestellt, noch ein paar unhandliche Teile mit dazu gelegt und zurück zur Station.

Ich nahm einen anderen Zug zurück, denn zufällig fuhr gerade der "Limited Express" nach Tokyo, der mir eventuell 5 Minuten sparen könnte und auch umstiegstechnisch weniger fehleranfällig ist.
Hier gibt es ziemlich viele Zugtypen:
- Local (hält an jeder Station)
- Rapid (überspringt ein paar bestimmte Station außerhalb des Zentrums)
- Limited-Express (ähnlich, bloss anderes Bahnunternehmen; es gibt hier 5 oder 6 verschiedene, die sich aber immerhin auf ein einheitliches Bezahlsystem geeinigt haben)
- Express (noch ein paar weniger Stationen, die angefahren werden)
- Special Rapid (noch mehr Rapid)
- Semi-Express (fragt mich nicht)
- Commuter's Rapid (fährt nur in den Stoßzeiten und die wenigsten Stationen an; wohl dem der an einer dieser wohnt, ich nicht)
- und zu allem Überfluss auch noch ein "Special Limited Rapid". Ungelogen.
Bin sicher, dass das System irgendwann in ungezwungener Karaoke/Koks/Hostessen-Runde aller Bahnunternehmenspräsidenten entstand.

Ich kam um Punkt 7 etwas unangenehm verschwitzt mit verwehter Visual-Kei-Frisur und Ikea-Tasche beim Friseur an, wo mich Nozo direkt mit einem "Sashiburi desu!" begrüßte. Ich verwechselte das Wort bis vor kurzem immer noch mit "Subarashii" (siehe voriger Eintrag), aber es bedeutet soviel wie "Lange nicht gesehen".

Sie brachte mich zum Stuhl, den sie mir wie immer zudrehte, um mich dann damit zum Spiegel zurückzudrehen. "Dou shimashou ka?" (Wie machen wir's?). Ich antwortete, dass ich gegen Haarewaschen nichts einzuwenden hätte, weil ich noch Gel in den Haaren hatte und das bestimmt angenehmer für sie wäre.
Sie stimmte zu und brachte mich zu "Neri", die eigentlich Risa heißt (hä?). Nun, wie auch immer. Ich muss sagen, dass ich nicht viele Japanerinnen sehe, deren Gesicht mir sofort gefällt, aber Neri war eine davon. Ja, und es war wirklich ihr Gesicht. Sie trug eine Schlabberlatzhose.

Das Hinsetzen auf dem Stuhl am Haarwaschbecken ist jedesmal eine beidseitig unbeholfene Angelegenheit. Nozo oder nun Neri wissen nicht, wie sie mir sagen sollen dass ich den Kopf noch nicht zurücklegen soll und ich harre meist in einer albernen Halb-Pose aus, immer in den falschen Momenten "Oh, doch noch nicht, oh doch, jetzt, nee?"-nach vorne oder hinten schwankend, während sie mir ein Handtuch um den Nacken legt und meinen Kopf eine Nuance zu unsicher nach vorne oder hinten schiebt. Nach ewigen 20 Sekunden haben wir es denn.
Haarwäschen beim Friseur sind eine großartige Sache, das ist mal klar. Neri massierte mir 4 oder 5 mal neues Shampoo ein und versuchte sich in leichter Konversation. Mein Sprachzentrum war aber merkwürdig behindert und ich redete mir ein, dass es an meiner Haltung liegen musste, so wie es einem mit überstrecktem Hals schwerfällt zu schlucken. Absurd, aber in dem Moment für mich logisch.
Ich kann mich erinnern, dass Neri aus Saitama (nördlich von Tokyo) kommt, ich dort ja auch schon war (remember Fußballspiel?) und ich ihr meinen Arbeitgeber mitteilte. Selbst die Japaner denken immer noch, es würde sich dabei hauptsächlich um einen Kamerahersteller handeln.
Apropos Sprachzentrum: ich bin mir nicht sicher, ob ich es geschrieben hatte, aber meiner Beurteilung nach ist mein Japanisch meinem früheren Französisch der Oberstufe inzwischen überlegen. Als ich das vor kurzem mal nachprüfen wollte, indem ich zufällige Sätze in beiden Sprachen bilden wollte, stellte ich fest dass das Japanisch nicht nur besser war, sondern mein Französisch ersetzte. Ich war nicht mehr in der Lage einen französischen Satz zu sagen ohne einzelne Wörter versehentlich durch japanische zu ersetzen. "C'est totemo bien desu ne!"

Neri übergab mich wieder an Nozo, die sich sofort ans bekannte Werk machte.
Ich verließ anschließend inner-balanced den Friseur, bis vor die Tür begleitet von Neri und Nozo, die mir für fünf bis zehn Sekunden nachwunken (das ist hier allgemein sehr üblich und keine Sonderbehandlung).

Ich beschloss, heute noch wegzugehen, und zwar ins Ageha, den größten Club Japans. Ich war nicht sonderlich scharf darauf, und nicht ohne Grund hat es mehr als 6 Monate gedauert bis ich mich mal dazu entschloss, aber heute fühlte sich richtig an. Außerdem hatte ich zuviele Abende in kleinen Clubs verbracht, die dann doch etwas dröge werden konnten.
Zuvor ging ich aber noch Shio(塩 Salz)-Ramen essen.
Während ich da aß kam mir der Gedanke, dass ich mich ja eigentlich ab und zu mal mit Nozo und oder Neri zum Abendessen treffen könnte. Ihre Arbeitszeiten sind meinen nicht so unähnlich (bis 21:00) und sonst kenne ich ja niemanden in Kichijoji, mit dem ich mal abends noch ein bisschen abhängen könnte.
Ich ging zurück zum Friseur, wo mich Nozo ganz erschrocken anschaute. Ich schlug ihr meinen Plan vor und sie willigte ein. Einen direkten nächsten Termin auszumachen ließen wir aber sein, denn auch ich war nicht vorbereitet und konnte noch keine Versprechungen machen. Sie bat mich um meine Mailadresse und gingen so wieder auseinander. "Mailadresse" ist hier gleichbedeutend mit Handy-Mailadresse; über andere elektronische Kommunikationswege schreibt man sich hier eigentlich gar nicht mehr.
Ich hab keine Ahnung, ob sie wirklich schreiben wird, dazu zu schüchtern ist oder vielleicht auch keine Lust hat. Den Versuch ist es allenfalls wert.

Ich glaube, an dieser Stelle unterbreche ich den Eintrag mal und verschiebe die Ageha-Geschichte, sonst bin ich hier in einer Stunde noch nicht fertig. Stellt euren Feedreader-Wecker auf morgen nachmittag.