Chinese Importunacy - der Jetski-Ausflug
Um 7:30 sollte ich am Gleis der Tokaido-Line in Shinagawa sein. Das bedeutete mal wieder einen Umstieg in Allzweck-Station Shinjuku und eine Gesamtfahrtdauer von ca. 40 Minuten. Vorher hatten sie nie gesagt, wohin es genau ginge, aber da die Tokaido-Line Richtung Südosten fährt, konnten es nur die Strände von Shonan sein (wo ich auch schon häufiger surfte).
In Shinagawa ging ich die Treppe vom Gleis der Yamanote-Line hoch um das Gleis zu wechseln und aus dem Augenwinkel sah ich wie Zizi angetrippelt kam, wild winkend, den Oberkörper ungefähr um 45° nach links gelehnt. Man sah ihr an, dass sie etwas unter Strom stand.
Sie stellte mir Emi vor, die japanische Freundin die sie einlud. Emis Englisch war ziemlich gut, aber gleichzeitig hatte sie wohl aus ihrem Amerika-Aufenthalt diese unangenehm abgeklärte Tussenarroganz übernommen, die Japanerinnen eigentlich ziemlich abgeht.
Unser Zug fuhr erst eine halbe Stunde später. Ich kaufte mir noch ein "Calpis Water" und einen Donut im Kombini und dann gingen wir zum Gleis. Es kamen dann zwei weitere Freundinnen von Emi, Manami und Takako die beide ein paar Jahre jünger als wir waren. Später kamen noch "Tanaoka-san", anscheinend Emis Kollege (um die 40) und zwei weitere Freundinnen von Tanaoka-san. Die üblichen Vorstellungsspiele, "Hajimemashite, Jan desu", "Aaah, Nihon-go o hanasemasu ka??". Der Zug kam und wir gingen aus einem mir nicht ersehbaren Grund ins allerletzte Abteil. Der Waggon war wie alle anderen ziemlich leer und wir setzten uns gegenüber mit den Rücken zu den Fenstern. Da ich grad mit Tanaoka-san sprach und Zizi vorgelaufen war, saßen wir recht weit auseinander, was mir unter dem Aspekt der Kontaktaufnahme mit dem Rest der Gruppe aber recht war. Zizi wohl nicht. Sie guckte etwas missmutig hin und her und konnte nicht verbergen, dass ihr die Sitzanordnung missfiel, wo wir doch jetzt eine Stunde lang Bahnfahren würden.
Zwei Minuten nachdem der Zug sich in Gang gesetzt hatte setzte sie sich neben mich, was die Sitzverteilung ziemlich auffällig ins Ungleichgewicht brachte. Sie fragte mich, ob ich schon gespannt wäre, was ich bejahte. Ich fragte sie, ob sie den Rest der Leute kennen würde, was sie verneinte. Sie flüsterte mir zu, dass sie sich schon jetzt nicht mehr an die Namen erinnern würde.
Emi erklärte, dass sie mit Takako und Manami, die noch extrem kindlich wirkten auf einem "Jobtraining" für Sekretärinnen war und Tanaoka-san ihr Boss wäre.
Ich fragte Tanaoka-san, was sein Job wäre worauf er "Cosmetics" antwortete. Ich bohrte nach, was denn genau, Verkauf oder Produktion, worauf er bei "Produktion" heftig nickte. Ich machte eine "Reagenzgläser ineinanderschütten"-Geste, fragt mich bitte nicht warum.
Später sollte sich herausstellen, dass Tanaoka-san der Präsident der Firma ist, die in Japan 5 Niederlassungen hat und relativ bekannt ist. Gott, war mir meine "Reagenzglas-Geste" plötzlich peinlich. Aber wie soll man einen Präsidenten auch erkennen, wenn er mit Fleddershorts und ausgeblichenem Polohemd aufläuft.
Die Zugfahrt ging recht schnell vorbei, Zizi beschäftigte sich die meiste Zeit mit dem iPod meines iPhones, wo sie gewissenhaft jedes Album durchblätterte. Zwischenzeitlich hatte ich auch nochmal fallengelassen, dass ja Anfang November meine Freundin nach Japan käme, wovon sie aber äußerlich ungerührt blieb. Ich fürchtete kurz bei ihr Zeitdruck ausgelöst zu haben.
Wir stiegen in Hiratsuka aus und als wir die letzten Stufen aus der Bahnstation herausgingen wurden wir von einigen Japanern begrüßt, unsere Taschen abgenommen und in einen Kleinbus gebracht, mit dem wir zu einem Fluss gefahren wurden.
Am Flussufer saßen nochmal circa 10 Leute, die schon mit dem Aufbauen von Grill, Tischen und Stühlen beschäftigt waren. Das ganze schien sich an einer Art Wassersport-Binnenhafen zu befinden. Ständig wurden kleinere Boote und Jetskis zu Wasser gelassen. Auf dem Fluss machten mehrere Jetskifahrer ein Wettrennen um ein paar Slalombojen.
Wir gingen in Umkleidekabinen, die zu der Anlage gehörten und kleideten uns um, verrückt.
Ich hatte klugerweise mein Surfoberteil mitgenommen, was erstens nicht nur überaus modisch aussieht, sondern zweitens Eincrem-Zeit spart. Tanaoka-san und ich gingen zusammen zu den Tischen wo inzwischen noch mehr Leute und Hunde dazugekommen waren. Der Grill wurde in Gang gesetzt und mir das erste Bier angeboten. Ich lehnte erstmal ab. Ich sah noch niemand anderen mit einem Bier und befürchtete, man hätte es mir vor allem deshalb angeboten, weil ich ja der Deutsche bin und bestimmt Bier trinken will.
Es kamen noch weitere Leute an, jung und älter und irgendwann waren wir wohl komplett, weil Tanaoka-san alle begrüßte, sich bedankte und hoffte, alle würden Spaß haben und die harte Arbeitszeit etwas vergessen können. Er würde bald seine Jetskis fertigmachen und dann könnten wir aufs Meer rausfahren.
Die Information, wir würden "im Meer" grillen stellte sich als Fehlinformation heraus. Ich vermutete, Zizi hätte "umi de" (am/im Meer) falsch verstanden, wobei ihr Japanisch eigentlich ausreichen sollte um Nuancen richtig einordnen zu können.
Da Zizi und die anderen sich mit dem Umziehen deutlich mehr Zeit gelassen hatte, war ich schon mit einigen Typen ins Gespräch gekommen, unter anderem "Ka-chan" (seinen richtigen Namen erfuhr ich nicht) und Shoichi (mal wieder). Shoichi war etwas prollig, aber wir fanden mit internationalem Fußball ein Gesprächsthema, das uns lang genug beschäftigte. Wir mussten nur Fußballernamen und Vereine ins Gespräch werfen, schließlich unsere Meinung kundgeben.
Sein Lieblingsfußballer ist "Matsuo", der in Frankreich spielt und der kurzzeitig gerüchteweise auch in Hannover gehandelt wurde.
Die Tatsache sich mit einem Deutschen einigermaßen funktionierend über Fußball unterhalten zu können schien Shoichi ziemlich zu überwältigen. Immer wieder betonte er "Ii kanji, ne!", was man direkt mit "Gute Atmosphäre, ne!" übersetzen könnte. Diese Redewendung wird auch immer gebraucht wenn man z.B. ein Foto von zwei Freunden schießt und es sich anschließend anschaut. Ich bin grad tatsächlich relativ irritiert, dass ich keine gute deutsche Übersetzung finde. "Kanji" bedeutet "Emotion", ob jetzt gut oder schlecht, für sich alleine oder die ersichtliche Gruppenemotion. Bloß dass es hier immer direkt beim Namen genannt wird.
Nunja, Shoichi legte immer wieder den Arm um mich und betonte wie gute Freunde wir schon wären. Mich rührt sowas ja immer, gleichzeitig bin ich irritiert, weil zu rational um das gleiche mit voller Überzeugung zu erwidern.
Ich holte mir also das erste Bier.
Schließlich kam Tanaoka-san zu mir, fragte ob ich mit ihm eine Runde Jetski fahren wolle und drückte mir eine Schwimmweste in die Hand. Von einem Steg sprangen wir auf sein Mehrsitzer-Jetski und fuhren los. Ich winkte dem Rest der Gruppe während wir losfuhren, vielleicht etwas euphorischer als ich es sonst machen würde, denn ich war mir der Vorzugsbehandlung bewusst und wollte daher angemessene Begeisterung zeigen.
Tanaoka-san drückte auch direkt auf die Tube und ich suchte nach einer Möglichkeit zum Festhalten, die ich direkt neben meiner Sitzfläche fand. Es war ziemlich spaßig, vor allem wenn man mit ausreichender Geschwindigkeit eine Welle erwischte die von einem Boot oder anderem Jetski erzeugt wurde.
Es war laut, wir sausten durch die Gegend, unter Brücken durch und es war eine dieser Situationen, die ich einfach nur genießen konnte. Ich rief "That's awesome.", was Tanaoka-san anscheinend akustisch oder sprachlich nicht verstand und ich schob ein "Subarashii!" (Großartig!) hinterher, und das obwohl ich sonst nicht jemand bin, der Begeisterung direkt in Worte ausdrücken muss, sondern lieber still genießt. Ich wollte aber auf Nummer sicher gehen, bevor es hieße, der verwöhnte Deutsche wäre ja gar nicht so begeistert gewesen.
Nach 10 Minuten Jetski-Action legten wir wieder an.
Es wurden erstmal wieder ein paar Bier getrunken, bis es schließlich wohl "richtig" losging. Ungefähr 2/3 der Gruppe wurden auf ein Boot gebracht. Emi, Zizi und ich sollten mit zwei Jetskis mitfahren. Ich stellte schnell erleichtert fest, dass ich mit Ka-chan fahren würde, während Zizi und Emi bei Tanaoka-san mitfuhren.
Wir bretterten hintereinander durch die Brücken den Fluß herunter und ich fühlte mich angenehm an Half-Life 2 erinnert. Irgendwann wurde der Wellengang heftiger und wir kamen aufs offene Meer hinaus.
In der Ferne konnte ich "Eboshi-iwa" (ein großer begehbarer Fels vor der Küste Shonans) und Enoshima (eine kleine Halbinsel) sehen. Dort hatte ich bereits mehrere Male mit Muto-san gesurft. Wir warteten ein bisschen auf das Schiff, und fuhren anschließend parallel dazu Richtung Enoshima. Leider versperrten mal wieder ein paar Wolken die Sicht auf Fuji-san, aber das wäre wohl zu perfektes Kanji gewesen.
Unser Ziel war die felsige Rückseite von Enoshima, die ziemlich spektakulär ist. In die Felswände sind Holzbrücken gebaut, über die man die Insel umlaufen kann. Es gibt mehrere Höhleneingänge, von dem einer gleichzeitig der Eingang zu einem Schrein ist.
Nach 30 Minuten kamen wir an. Ka-chan hatte zwischenzeitlich einen Sprint eingelegt, so dass wir 5 Minuten vor den anderen ankamen und bisschen im angenehm warmen Wasser schwimmen gehen konnten. Da mich die Schwimmweste automatisch oben hielt ließ ich mich treiben und beschloss dass der Moment perfekt ist.
Irgendwann kam das Tanaoka-Emi-Zizi-Mobil an und schließlich das Boot. Die Bootinsassen, größtenteils junge Produktionsmitarbeiterinnen um die 20 schienen nicht ganz so viel Spaß zu haben. Sie schützten sich notdürftig mit Handtüchern vor dem Spritzwasser und der heftig scheinenden Sonne und auch mir wurde klar, dass ich den Tag wohl nicht ohne einen Sonnenbrand der übleren Art verbringen wurde. Es war jetzt kurz vor Sonnenhöchststand.
Das Boot drehte eine Runde, wir brausten ein bisschen im Zickzack hinterher und drumherum und fuhren wieder zurück. Ka-chan drehte sich schließlich zu mir um und fragte "Unten shitai desu ka?" (Willst du fahren?"). Ich fragte, ob das wirklich okay wäre dachte aber "Oh mein Gott, bitte!" Der perfekte Moment wurde noch ein bisschen besser.
Über einen Hebel, der sich wie eine Art Fahrradhandbremse am Lenker befand steuerte man den Schub. Nachdem ich ein Gefühl dafür bekam, wie man damit und dem Wellengang am besten umgeht zog ich durch. Die Sonne stand so, dass die Wellen exakt so überbelichtet und merkwürdig symmetrisch aussahen wie in aktuelleren Computerspielen. Nachdem ich mich kurz bei Ka-chan versichterte, das mein Fahrstil in Ordnung ginge suchte ich immer wieder nach Wellenformationen, die mir erst starke Beschleunigung ermöglichten und setzte dann zu einem Sprung über eine Welle an. Ich wollte plötzlich ein Jetski besitzen und das jeden Tag machen. Dass es im Gegensatz zu ernsthafterem Sport wie Surfen nur eine Spielzeug für Bonzen war, war mir egal. Ich konnte nachvollziehen, warum sich Bonzen so etwas zulegten.
Auf dem Fluss konnte ich das Endtempo nochmal ein bisschen nach oben drehen und in meinem Kopf überschlugen sich die "Hell Yeah!"s, "Wahnsinn!" und "Wie geil ist das denn"s.
Wir kamen deutlich vor dem Rest an.
Dann wurde gegrillt, für mich persönlich sogar angenehm wenig Tintenfisch, Oktopus und Shrimp. Eine Muschel wollte ich trotzdem probieren. Ich sollte es in Zukunft lassen. Dieser zähe Kram mit seinem Muffgeschmack ist nichts für mich.
Ich hatte nach der Ankunft kaum mit Zizi gesprochen, fühlte mich aber auch nicht so schlecht dabei, schließlich hatte sich das relativ natürlich so entwickelt. Beim Essen saßen wir dann wieder zusammen und sie fragte mich was "I love you" auf deutsch hieße. Wissend,wohin das führen könnte sagte ich es ihr. Bei ihr klang es eher nach "Ichi libbe dichi", aber ich wollte das Gespräch nicht vertiefen. Ein paar Momente später drehte sie sich wieder zu mir und sagte "Ichi libbe dichi". Ich nickte und sagte "Ja, richtig." gepaart mit einem wohlmeinenden Lehrerlächeln.
Ich holte mir ein paar gebratene Nudeln und sah, dass mein Platz von Shoichi belegt war.
Die bis dahin noch irgendwie wirkende Kühlung vom zugigen Jetskiausflug war ausgeklungen und es wurde unbeschreiblich heiß. Ich nahm mir erst ein alcopopsiges Chu-hi aus einer der Kühlboxen und drückte es mir ins Gesicht und den Nacken.
Zizi stand plötzlich mit dem Rücken zu mir, drehte sich ruckartig um und sagte wieder "Ichi libbe dichi."
Ich machte innerlich den Double-Facepalm, und bestätigte ihr kühl noch einmal, dass sie es jetzt könne. Ich schätze, in diesem Moment fing sie zumindest an, die Cleverness ihrer Idee zu hinterfragen.
Als ich mein Chu-hi ausgetrunken hatte, kam mir die herausragende Idee, ein bisschen Zeit in der Umkleide zu totzuschlagen. Ich konnte eine kalte Dusche nehmen, Sonnenschutz erneuern und ein bisschen meine Ruhe haben.
Als ich davon zurückkam sah ich, dass ich nicht der einzige war, dem die Hitze zu schaffen machte. Die jüngeren Mädchen, die vorher noch unter ihren Handtüchern auf dem Boot vor der Sonne geschützt hatten saßen jetzt im Kleinbus, der mit angeschmissener Klimaanlage lief. Ein paar andere Leute hatten Handtüchern auf ihren Kopf gelegt und dösten.
Ich tat es ihnen nach. Nach 30 Minuten fingen Arme und Beine an, ihre Schwierigkeiten die Sonnenstrahlen zu verarbeiten zu verdeutlichen. Ich nahm meine Arme mit unter das Handtuch und muss wohl relativ unwürdig ausgesehen haben, aber das war mir unglaublich gleich.
Ich wachte mit brennenden Knieen auf. Zizi und Emi waren noch einmal mit Tanaoka-san Jetski fahren und Wakeboard-ziehen gegangen.
Ich wollte nur noch pennen und raus aus der Sonne. Ich muss an dieser Stelle verdeutlichen, dass es außer dem besetzten Kleinbus absolut keinen brauchbaren Schatten gab.
Irgendwann setzte sich Aufräumbewegung in Gang und ich tat alles um die Aktivität zu beschleunigen. Bei einem Grilltag mit Kollegen am Meer, für dessen Beschreibung ich hier noch keine Zeit fand hatte das Aufräumen geschlagene 1,5 Stunden gebraucht, wovon alleine 45 Minuten dafür draufgingen, die noch glühende Kohle in einem kleinen Wassereimer herunterzukühlen, und dann erkaltet umständlich in Müllsäcke zu füllen. Man muss den Japanern lassen, dass sie für gewissenhafte Müllentsorgung ganz schöne Opfer bringen. Hier ist aber Convenience-technisch noch Verbesserungspotenzial.
Das gleiche Spiel ging hier auch los, aber man war mit mehr Geschick und einem größeren Eimer ausgestattet, so dass es deutlich schneller ging. Um 17:00 hielt Tanaoka-san eine Abschiedsrede, jedem wurde noch ein übriggebliebener Eistee und ein Stück Wassermelone (immer noch gut gekühlt) in die Hand gedrückt und dann fuhren wir mit einem zweiten Kleinbus zurück.
Zizi hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben und brachte auch im Bus nochmal ihr plötzliches "Ichi libbe dichi.", das ich leicht verzweifelt weglächelte. Das "Zeitdruck"-Ding war scheinbar keine so falsche Annahme, herrje.
Am Bahnhof verabschiedete ich mich noch von Shoichi und Ka-chan, die uns gebracht hatten und ließ mir das Versprechen abringen im nächsten Jahr wieder dabei zu sein.
Wir stiegen in den recht vollen Zug und fanden verteilte Sitzplätze. Alle schliefen innerhalb kürzester Zeit ein. In Shinjuku verabschiedete ich mich geschlaucht von Zizi, bedankte mich nochmal für die Einladung und ging dann zur Chuo-Line.
In Shinagawa ging ich die Treppe vom Gleis der Yamanote-Line hoch um das Gleis zu wechseln und aus dem Augenwinkel sah ich wie Zizi angetrippelt kam, wild winkend, den Oberkörper ungefähr um 45° nach links gelehnt. Man sah ihr an, dass sie etwas unter Strom stand.
Sie stellte mir Emi vor, die japanische Freundin die sie einlud. Emis Englisch war ziemlich gut, aber gleichzeitig hatte sie wohl aus ihrem Amerika-Aufenthalt diese unangenehm abgeklärte Tussenarroganz übernommen, die Japanerinnen eigentlich ziemlich abgeht.
Unser Zug fuhr erst eine halbe Stunde später. Ich kaufte mir noch ein "Calpis Water" und einen Donut im Kombini und dann gingen wir zum Gleis. Es kamen dann zwei weitere Freundinnen von Emi, Manami und Takako die beide ein paar Jahre jünger als wir waren. Später kamen noch "Tanaoka-san", anscheinend Emis Kollege (um die 40) und zwei weitere Freundinnen von Tanaoka-san. Die üblichen Vorstellungsspiele, "Hajimemashite, Jan desu", "Aaah, Nihon-go o hanasemasu ka??". Der Zug kam und wir gingen aus einem mir nicht ersehbaren Grund ins allerletzte Abteil. Der Waggon war wie alle anderen ziemlich leer und wir setzten uns gegenüber mit den Rücken zu den Fenstern. Da ich grad mit Tanaoka-san sprach und Zizi vorgelaufen war, saßen wir recht weit auseinander, was mir unter dem Aspekt der Kontaktaufnahme mit dem Rest der Gruppe aber recht war. Zizi wohl nicht. Sie guckte etwas missmutig hin und her und konnte nicht verbergen, dass ihr die Sitzanordnung missfiel, wo wir doch jetzt eine Stunde lang Bahnfahren würden.
Zwei Minuten nachdem der Zug sich in Gang gesetzt hatte setzte sie sich neben mich, was die Sitzverteilung ziemlich auffällig ins Ungleichgewicht brachte. Sie fragte mich, ob ich schon gespannt wäre, was ich bejahte. Ich fragte sie, ob sie den Rest der Leute kennen würde, was sie verneinte. Sie flüsterte mir zu, dass sie sich schon jetzt nicht mehr an die Namen erinnern würde.
Emi erklärte, dass sie mit Takako und Manami, die noch extrem kindlich wirkten auf einem "Jobtraining" für Sekretärinnen war und Tanaoka-san ihr Boss wäre.
Ich fragte Tanaoka-san, was sein Job wäre worauf er "Cosmetics" antwortete. Ich bohrte nach, was denn genau, Verkauf oder Produktion, worauf er bei "Produktion" heftig nickte. Ich machte eine "Reagenzgläser ineinanderschütten"-Geste, fragt mich bitte nicht warum.
Später sollte sich herausstellen, dass Tanaoka-san der Präsident der Firma ist, die in Japan 5 Niederlassungen hat und relativ bekannt ist. Gott, war mir meine "Reagenzglas-Geste" plötzlich peinlich. Aber wie soll man einen Präsidenten auch erkennen, wenn er mit Fleddershorts und ausgeblichenem Polohemd aufläuft.
Die Zugfahrt ging recht schnell vorbei, Zizi beschäftigte sich die meiste Zeit mit dem iPod meines iPhones, wo sie gewissenhaft jedes Album durchblätterte. Zwischenzeitlich hatte ich auch nochmal fallengelassen, dass ja Anfang November meine Freundin nach Japan käme, wovon sie aber äußerlich ungerührt blieb. Ich fürchtete kurz bei ihr Zeitdruck ausgelöst zu haben.
Wir stiegen in Hiratsuka aus und als wir die letzten Stufen aus der Bahnstation herausgingen wurden wir von einigen Japanern begrüßt, unsere Taschen abgenommen und in einen Kleinbus gebracht, mit dem wir zu einem Fluss gefahren wurden.
Am Flussufer saßen nochmal circa 10 Leute, die schon mit dem Aufbauen von Grill, Tischen und Stühlen beschäftigt waren. Das ganze schien sich an einer Art Wassersport-Binnenhafen zu befinden. Ständig wurden kleinere Boote und Jetskis zu Wasser gelassen. Auf dem Fluss machten mehrere Jetskifahrer ein Wettrennen um ein paar Slalombojen.
Wir gingen in Umkleidekabinen, die zu der Anlage gehörten und kleideten uns um, verrückt.
Ich hatte klugerweise mein Surfoberteil mitgenommen, was erstens nicht nur überaus modisch aussieht, sondern zweitens Eincrem-Zeit spart. Tanaoka-san und ich gingen zusammen zu den Tischen wo inzwischen noch mehr Leute und Hunde dazugekommen waren. Der Grill wurde in Gang gesetzt und mir das erste Bier angeboten. Ich lehnte erstmal ab. Ich sah noch niemand anderen mit einem Bier und befürchtete, man hätte es mir vor allem deshalb angeboten, weil ich ja der Deutsche bin und bestimmt Bier trinken will.
Es kamen noch weitere Leute an, jung und älter und irgendwann waren wir wohl komplett, weil Tanaoka-san alle begrüßte, sich bedankte und hoffte, alle würden Spaß haben und die harte Arbeitszeit etwas vergessen können. Er würde bald seine Jetskis fertigmachen und dann könnten wir aufs Meer rausfahren.
Die Information, wir würden "im Meer" grillen stellte sich als Fehlinformation heraus. Ich vermutete, Zizi hätte "umi de" (am/im Meer) falsch verstanden, wobei ihr Japanisch eigentlich ausreichen sollte um Nuancen richtig einordnen zu können.
Da Zizi und die anderen sich mit dem Umziehen deutlich mehr Zeit gelassen hatte, war ich schon mit einigen Typen ins Gespräch gekommen, unter anderem "Ka-chan" (seinen richtigen Namen erfuhr ich nicht) und Shoichi (mal wieder). Shoichi war etwas prollig, aber wir fanden mit internationalem Fußball ein Gesprächsthema, das uns lang genug beschäftigte. Wir mussten nur Fußballernamen und Vereine ins Gespräch werfen, schließlich unsere Meinung kundgeben.
Sein Lieblingsfußballer ist "Matsuo", der in Frankreich spielt und der kurzzeitig gerüchteweise auch in Hannover gehandelt wurde.
Die Tatsache sich mit einem Deutschen einigermaßen funktionierend über Fußball unterhalten zu können schien Shoichi ziemlich zu überwältigen. Immer wieder betonte er "Ii kanji, ne!", was man direkt mit "Gute Atmosphäre, ne!" übersetzen könnte. Diese Redewendung wird auch immer gebraucht wenn man z.B. ein Foto von zwei Freunden schießt und es sich anschließend anschaut. Ich bin grad tatsächlich relativ irritiert, dass ich keine gute deutsche Übersetzung finde. "Kanji" bedeutet "Emotion", ob jetzt gut oder schlecht, für sich alleine oder die ersichtliche Gruppenemotion. Bloß dass es hier immer direkt beim Namen genannt wird.
Nunja, Shoichi legte immer wieder den Arm um mich und betonte wie gute Freunde wir schon wären. Mich rührt sowas ja immer, gleichzeitig bin ich irritiert, weil zu rational um das gleiche mit voller Überzeugung zu erwidern.
Ich holte mir also das erste Bier.
Schließlich kam Tanaoka-san zu mir, fragte ob ich mit ihm eine Runde Jetski fahren wolle und drückte mir eine Schwimmweste in die Hand. Von einem Steg sprangen wir auf sein Mehrsitzer-Jetski und fuhren los. Ich winkte dem Rest der Gruppe während wir losfuhren, vielleicht etwas euphorischer als ich es sonst machen würde, denn ich war mir der Vorzugsbehandlung bewusst und wollte daher angemessene Begeisterung zeigen.
Tanaoka-san drückte auch direkt auf die Tube und ich suchte nach einer Möglichkeit zum Festhalten, die ich direkt neben meiner Sitzfläche fand. Es war ziemlich spaßig, vor allem wenn man mit ausreichender Geschwindigkeit eine Welle erwischte die von einem Boot oder anderem Jetski erzeugt wurde.
Es war laut, wir sausten durch die Gegend, unter Brücken durch und es war eine dieser Situationen, die ich einfach nur genießen konnte. Ich rief "That's awesome.", was Tanaoka-san anscheinend akustisch oder sprachlich nicht verstand und ich schob ein "Subarashii!" (Großartig!) hinterher, und das obwohl ich sonst nicht jemand bin, der Begeisterung direkt in Worte ausdrücken muss, sondern lieber still genießt. Ich wollte aber auf Nummer sicher gehen, bevor es hieße, der verwöhnte Deutsche wäre ja gar nicht so begeistert gewesen.
Nach 10 Minuten Jetski-Action legten wir wieder an.
Es wurden erstmal wieder ein paar Bier getrunken, bis es schließlich wohl "richtig" losging. Ungefähr 2/3 der Gruppe wurden auf ein Boot gebracht. Emi, Zizi und ich sollten mit zwei Jetskis mitfahren. Ich stellte schnell erleichtert fest, dass ich mit Ka-chan fahren würde, während Zizi und Emi bei Tanaoka-san mitfuhren.
Wir bretterten hintereinander durch die Brücken den Fluß herunter und ich fühlte mich angenehm an Half-Life 2 erinnert. Irgendwann wurde der Wellengang heftiger und wir kamen aufs offene Meer hinaus.
In der Ferne konnte ich "Eboshi-iwa" (ein großer begehbarer Fels vor der Küste Shonans) und Enoshima (eine kleine Halbinsel) sehen. Dort hatte ich bereits mehrere Male mit Muto-san gesurft. Wir warteten ein bisschen auf das Schiff, und fuhren anschließend parallel dazu Richtung Enoshima. Leider versperrten mal wieder ein paar Wolken die Sicht auf Fuji-san, aber das wäre wohl zu perfektes Kanji gewesen.
Unser Ziel war die felsige Rückseite von Enoshima, die ziemlich spektakulär ist. In die Felswände sind Holzbrücken gebaut, über die man die Insel umlaufen kann. Es gibt mehrere Höhleneingänge, von dem einer gleichzeitig der Eingang zu einem Schrein ist.
Nach 30 Minuten kamen wir an. Ka-chan hatte zwischenzeitlich einen Sprint eingelegt, so dass wir 5 Minuten vor den anderen ankamen und bisschen im angenehm warmen Wasser schwimmen gehen konnten. Da mich die Schwimmweste automatisch oben hielt ließ ich mich treiben und beschloss dass der Moment perfekt ist.
Irgendwann kam das Tanaoka-Emi-Zizi-Mobil an und schließlich das Boot. Die Bootinsassen, größtenteils junge Produktionsmitarbeiterinnen um die 20 schienen nicht ganz so viel Spaß zu haben. Sie schützten sich notdürftig mit Handtüchern vor dem Spritzwasser und der heftig scheinenden Sonne und auch mir wurde klar, dass ich den Tag wohl nicht ohne einen Sonnenbrand der übleren Art verbringen wurde. Es war jetzt kurz vor Sonnenhöchststand.
Das Boot drehte eine Runde, wir brausten ein bisschen im Zickzack hinterher und drumherum und fuhren wieder zurück. Ka-chan drehte sich schließlich zu mir um und fragte "Unten shitai desu ka?" (Willst du fahren?"). Ich fragte, ob das wirklich okay wäre dachte aber "Oh mein Gott, bitte!" Der perfekte Moment wurde noch ein bisschen besser.
Über einen Hebel, der sich wie eine Art Fahrradhandbremse am Lenker befand steuerte man den Schub. Nachdem ich ein Gefühl dafür bekam, wie man damit und dem Wellengang am besten umgeht zog ich durch. Die Sonne stand so, dass die Wellen exakt so überbelichtet und merkwürdig symmetrisch aussahen wie in aktuelleren Computerspielen. Nachdem ich mich kurz bei Ka-chan versichterte, das mein Fahrstil in Ordnung ginge suchte ich immer wieder nach Wellenformationen, die mir erst starke Beschleunigung ermöglichten und setzte dann zu einem Sprung über eine Welle an. Ich wollte plötzlich ein Jetski besitzen und das jeden Tag machen. Dass es im Gegensatz zu ernsthafterem Sport wie Surfen nur eine Spielzeug für Bonzen war, war mir egal. Ich konnte nachvollziehen, warum sich Bonzen so etwas zulegten.
Auf dem Fluss konnte ich das Endtempo nochmal ein bisschen nach oben drehen und in meinem Kopf überschlugen sich die "Hell Yeah!"s, "Wahnsinn!" und "Wie geil ist das denn"s.
Wir kamen deutlich vor dem Rest an.
Dann wurde gegrillt, für mich persönlich sogar angenehm wenig Tintenfisch, Oktopus und Shrimp. Eine Muschel wollte ich trotzdem probieren. Ich sollte es in Zukunft lassen. Dieser zähe Kram mit seinem Muffgeschmack ist nichts für mich.
Ich hatte nach der Ankunft kaum mit Zizi gesprochen, fühlte mich aber auch nicht so schlecht dabei, schließlich hatte sich das relativ natürlich so entwickelt. Beim Essen saßen wir dann wieder zusammen und sie fragte mich was "I love you" auf deutsch hieße. Wissend,wohin das führen könnte sagte ich es ihr. Bei ihr klang es eher nach "Ichi libbe dichi", aber ich wollte das Gespräch nicht vertiefen. Ein paar Momente später drehte sie sich wieder zu mir und sagte "Ichi libbe dichi". Ich nickte und sagte "Ja, richtig." gepaart mit einem wohlmeinenden Lehrerlächeln.
Ich holte mir ein paar gebratene Nudeln und sah, dass mein Platz von Shoichi belegt war.
Die bis dahin noch irgendwie wirkende Kühlung vom zugigen Jetskiausflug war ausgeklungen und es wurde unbeschreiblich heiß. Ich nahm mir erst ein alcopopsiges Chu-hi aus einer der Kühlboxen und drückte es mir ins Gesicht und den Nacken.
Zizi stand plötzlich mit dem Rücken zu mir, drehte sich ruckartig um und sagte wieder "Ichi libbe dichi."
Ich machte innerlich den Double-Facepalm, und bestätigte ihr kühl noch einmal, dass sie es jetzt könne. Ich schätze, in diesem Moment fing sie zumindest an, die Cleverness ihrer Idee zu hinterfragen.
Als ich mein Chu-hi ausgetrunken hatte, kam mir die herausragende Idee, ein bisschen Zeit in der Umkleide zu totzuschlagen. Ich konnte eine kalte Dusche nehmen, Sonnenschutz erneuern und ein bisschen meine Ruhe haben.
Als ich davon zurückkam sah ich, dass ich nicht der einzige war, dem die Hitze zu schaffen machte. Die jüngeren Mädchen, die vorher noch unter ihren Handtüchern auf dem Boot vor der Sonne geschützt hatten saßen jetzt im Kleinbus, der mit angeschmissener Klimaanlage lief. Ein paar andere Leute hatten Handtüchern auf ihren Kopf gelegt und dösten.
Ich tat es ihnen nach. Nach 30 Minuten fingen Arme und Beine an, ihre Schwierigkeiten die Sonnenstrahlen zu verarbeiten zu verdeutlichen. Ich nahm meine Arme mit unter das Handtuch und muss wohl relativ unwürdig ausgesehen haben, aber das war mir unglaublich gleich.
Ich wachte mit brennenden Knieen auf. Zizi und Emi waren noch einmal mit Tanaoka-san Jetski fahren und Wakeboard-ziehen gegangen.
Ich wollte nur noch pennen und raus aus der Sonne. Ich muss an dieser Stelle verdeutlichen, dass es außer dem besetzten Kleinbus absolut keinen brauchbaren Schatten gab.
Irgendwann setzte sich Aufräumbewegung in Gang und ich tat alles um die Aktivität zu beschleunigen. Bei einem Grilltag mit Kollegen am Meer, für dessen Beschreibung ich hier noch keine Zeit fand hatte das Aufräumen geschlagene 1,5 Stunden gebraucht, wovon alleine 45 Minuten dafür draufgingen, die noch glühende Kohle in einem kleinen Wassereimer herunterzukühlen, und dann erkaltet umständlich in Müllsäcke zu füllen. Man muss den Japanern lassen, dass sie für gewissenhafte Müllentsorgung ganz schöne Opfer bringen. Hier ist aber Convenience-technisch noch Verbesserungspotenzial.
Das gleiche Spiel ging hier auch los, aber man war mit mehr Geschick und einem größeren Eimer ausgestattet, so dass es deutlich schneller ging. Um 17:00 hielt Tanaoka-san eine Abschiedsrede, jedem wurde noch ein übriggebliebener Eistee und ein Stück Wassermelone (immer noch gut gekühlt) in die Hand gedrückt und dann fuhren wir mit einem zweiten Kleinbus zurück.
Zizi hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben und brachte auch im Bus nochmal ihr plötzliches "Ichi libbe dichi.", das ich leicht verzweifelt weglächelte. Das "Zeitdruck"-Ding war scheinbar keine so falsche Annahme, herrje.
Am Bahnhof verabschiedete ich mich noch von Shoichi und Ka-chan, die uns gebracht hatten und ließ mir das Versprechen abringen im nächsten Jahr wieder dabei zu sein.
Wir stiegen in den recht vollen Zug und fanden verteilte Sitzplätze. Alle schliefen innerhalb kürzester Zeit ein. In Shinjuku verabschiedete ich mich geschlaucht von Zizi, bedankte mich nochmal für die Einladung und ging dann zur Chuo-Line.
3 Kommentare:
Wahnsinn.
thank you for your quotation of my photo :)
"Beim Essen saßen wir dann wieder zusammen und sie fragte mich was "I love you" auf deutsch hieße. Wissend,wohin das führen könnte sagte ich es ihr. Bei ihr klang es eher nach "Ichi libbe dichi", aber ich wollte das Gespräch nicht vertiefen. Ein paar Momente später drehte sie sich wieder zu mir und sagte "Ichi libbe dichi". Ich nickte und sagte "Ja, richtig." gepaart mit einem wohlmeinenden Lehrerlächeln."
seit monaten nichts schöneres mehr gelesen. gut, dass ich in dem raum alleine arbeite, sonst wäre ich in erklärungsnotstand gekommen.
Kommentar veröffentlichen