September 10, 2009

Chinese Importunacy

Bevor ich nach Japan ging hörte ich regelmäßig von deutschen aber auch japanischen Kollegen, dass ich als blonder schlanker Nordeuropäer genau das Idealbild für Japanerinnen verkörpern würde und mir schon im Büro die Kolleginnen alle "schöne Augen" machen würden. Ich hab das ganze aber als Klischee-Kram abgetan und wollte mir über sowas auch keine großartigen Gedanken machen.
Das war eine gute Idee, denn in der Realität werde ich keines Blickes gewürdigt. Es ist wirklich unheimlich wie wenig Augenkontakt man hier hat. In Verbindung mit den Kommentaren der japanischen Kollegen ist das schon etwas irritierend, um nicht zu sagen "am Selbstbewusstsein nagend".
Die einzigen beiden Frauen im gesamten Büro die zu 90% Sicherheit gerade hochgucken wenn ich vorbeigucke sind auch gleichzeitig die einzigen beiden Chinesinnen, von denen eine sich relativ schnell recht hartnäckig erwies.

Mein erster Kontakt mit Zizi (ihr Spitzname, ihre Initialen sind Z.Z.) kam direkt in der ersten Woche zustande.
Ich hatte gerade Feierabend gemacht und war im 7/11 Kombini des Gebäudes noch schnell Geld abheben. Draußen lief mir dann Zizi "über den Weg" und sprach mich auf Englisch an. Ob ich mich schon an Japan gewöhnt hätte und ob sie mir irgendwas helfen könnte, sich "hier bei den Japanern" zurechtzufinden.
*dööööt* Ungefähr die schlechteste Variante sich bei mir anzubiedern, ist die "Wir hier, da die Japaner, höhö"-Masche. Ich ließ mir nichts anmerken, bedankte mich und blieb die nächsten Wochen stumm, denn tatsächlich bekam ich von Japanern genug Hilfe. (Im Nachhinein bin ich mir auch recht sicher, dass sie mich vor dem Kombini abgefangen hat.)
Einige Zeit später kam sie im Büro an meinen Tisch, hielt mir einen Zettel mit meiner Firmen-e-Mailadresse hin und fragte "Ist das deine Addresse?". Ich (fast so irritiert wie meine Kollegen): "Äh... uhm *guck* ja." Sie: "Okay." Und ging weg. 10 Minuten später hatte ich ihre e-Mail im Postfach, die ungefähr so ging "Hehe, sorry für eben. Ich wollte nur gucken ob ich die richtige Addresse habe, hehe. ;-) Hast du Lust auf ein Mittagessen? Wie wär's mit Freitag? ttyl, hehe, z.z."
Boah, dieses "Hehe".

Mehrere Faktoren kamen zusammen, die mir so ziemlich jede Lust darauf nahmen mit ihr Essen zu gehen. Ihr "Hehe", ihre merkwürdige Art und meine etwas verstockte Sorge vor der Bildung einer Büroparallelgesellschaft.
Ungefähr 3 Wochen konnte ich den Termin aufschieben, dann gab ich nach, "hehe".
Wir gingen in irgendein internationales Restaurant, das zu teuer war und dessen "Schinken-Nudeln" riesige Speckschwarten enthielten. Ich spulte mein Smalltalk-Programm ab und versuchte Themen wie "Wochenenden" zu vermeiden um sie nicht auf Gedanken zu bringen. Sie war vor 7 Jahren nach Japan gekommen und hatte hier studiert und schließlich Arbeit gefunden. Sie spricht dementsprechend relativ fließend japanisch. Wir sind ungefähr gleichalt. Viel mehr habe ich nicht in Erinnerung.

Zwei Wochen später bekam ich wieder eine Mail und Zizi fragte mich, ob ich mit ihr zum Essen gehen würde. Eine Kollegin würde gern mitkommen und hätte sie darum gebeten mich zu fragen. In der nächsten Woche trafen wir uns also wieder und vor dem Fahrstuhl traf ich Zizi mit einer unscheinbare Japanerin namens "Hitomi", die ich vorher nie bewusst gesehen hatte. Wieder gingen wir in ein Restaurant, das gerne italienisch wäre, und es gab Spaghetti mit Lachseiern. Hitomi sprach kein Englisch und schien sowieso wenig Ideen zu haben, was sie mit dieser Situation anzufangen gedachte. Ich probierte mein Japanisch aus, was den Begriff "Smalltalk" nochmal eine neue Dimension verlieh. Hitomi hatte keine Hobbys und wollte auch ihr Alter nicht preisgeben. Ich war drauf und dran zu mutmaßen, dass Zizi sie als Vorwand für ein Mittagessen engagiert hatte, aber am nächsten Tag erkannte ich sie im Büro wieder.
Nach dem Alter fragte ich in vollem Bewusstsein, dass es vielleicht unschicklich sei. Manchmal muss ich meinen "Da-ist-das-bestimmt-normal"-Westler-Joker auch ausspielen dürfen. Außerdem konnte ich ihr Alter tatsächlich überhaupt nicht einschätzen. Sie war ungefähr 1,50 und hatte 3 Pfund Abdeckschminke im Gesicht. Zwischen 25 und 45 war alles drin, dachte ich. Ich sollte es nicht rausbekommen. Immerhin wusste ich jetzt, dass "Himitsu" Geheimnis heißt.
Die Erkenntnisse des Mittagessens dürften sich für die beiden Frauen im ähnlich eindrucksvollen Bereich bewegen.

Mit der Zeit brachte sie in e-Mails auch immer wieder ihre chinesische Freundin und Sitznachbarin im Büro zur Sprache.
"My friend and I found out funny thing about you, hehe. I will let you know!" (Sie hörten, dass ich Schlagzeug spiele und mich mit Kollegen treffe.)
"My friend and I saw that youre sitting with the back to us today, what happened?"
"My friend thinks you are a good guy."

Und seitdem konnte ich davon ausgehen, dass die beiden immer kicherten, oder zumindest ihre Köpfe reckten, wenn an ihnen vorbei zu einem Meetingraum musste.
Heute dann folgende Szene: ich war grad schon an ihnen vorbeigegangen als ich plötzlich: "Jan-san! Jan-san!" hörte. Ich drehte mich um und sah die Friend-Chinesin mit irgendwelchen aufwändig verpackten Süßigkeiten in der Hand an ihrem Platz stehen.
"Do you want chocolate?". Ich war ziemlich in Eile und grad eher in der Laune freundlich abzulehnen: "Sorry, chewing gum."
Irgendwas an diesem Satz löste ein unpassend lautes Gekicher und Gegluckse aus. Nicht nur bei den Chinesinnen, sondern auch bei 5 drumherum sitzenden Japanerinnen, die die Szene anscheinend beobachtet hatten. Meine Synapsen schalteten sich im Weggehen zwar zu einem spontanten "What the fuck?!" zusammen, aber immerhin wusste ich jetzt, dass ich irgendwie auf die Frauen dort wirke, wie auch immer.

Irgendwann in der Anfangszeit muss ich Zizi meine Telefonnummer gegeben haben. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Jedenfalls gingen irgendwann die SMS los. Prinzipiell immer nach dem Muster "Was machst du am Wochenende, hehe?", "Diese Woche sahst du super-busy aus, hehe. Am Wochenende schon was vor?" oder "Meine Freunde und ich gehen am Wochenende in Roppongi weg. Willst du mitkommen? Hehe, ttyl."
Ich konnte immer recht gute Ausreden bringen, bis mich letzte Woche diese SMS erreichte "Sorry, just can't wait till tomorrow! Are you free on 6th? There's an exciting plan!!" Und am Ende so ein Smilie mit Herzchen in den Augen.
Ich antwortete: "Was für ein Plan? Bisher hab ich nichts vor, am 5. wollte ich Fußballspielen und vielleicht abends weggehen."
Antwort: "Hehe, my friends have jetski, and they are going to have BBQ, in the SEA!! Do you come?"
Nachdem ich noch ein paar Rahmendaten von ihr erfuhr (ca. 20 Leute, außer uns beiden nur Japaner/innen) sagte ich schließlich zu, denn mein Alternativprogramm war mutmaßlich "Rumhängen und Flanieren in Kichijoji", das ich jetzt wirklich schon genug gemacht hatte.
Ein bisschen Bange war mir vor Jetski-Doppelsitzern, aber das wollte ich mal auf mich zukommen lassen.

8 Kommentare:

Pöll hat gesagt…

was heißt denn "ttyl" eigentlich?

Anonym hat gesagt…

ja wie jetzt? wenn ich auf meinen kalender gucke, dann haben wir den 12.
das muss nicht unbedingt richtig sein, aber der 6. ist bestimmt schon vorbei!

*explode*

wurde übrigens auch mal von einer selbstachtungsfreien austauschchinesin eifrigst begraben. dachte zuerst an ein kulturelles missverständnis, aber irgendwann war jeder zweifel meilenweit entfernt. mein gott, war das strange...

Phil hat gesagt…

"talk to you later"

Phil hat gesagt…

Die Geschichte zum 6. kommt noch. Gestern erstmal der "Prolog". Danach war keine Zeit mehr. Heute wohl nicht mehr, glaube ich.

Glaube ja, "Zizi" hat die Signale inzwischen verstanden, hoffe ich.

Wer bist du? *conf*

Anonym hat gesagt…

sag ich nicht. war aber nicht in asien, sondern hier bei einem hochschulprojekt.

dann warte ich jetzt also mal wieder gespannt...

"meine" chinesin hieß übrigens ting ting. was schon ein ziemlich prima name ist.

Phil hat gesagt…

In der Tat.
Wie ist die Geschichte ausgegangen?

Anonym hat gesagt…

hab schwer geblockt (nicht geblogt), irgendwann ist ihr dann eine glühbirne aufgegangen und ich war wieder frei wie ein vogel.

_manchmal_ tut einem das ganz gut einen unmissverständlichen schuss vor den bug zu kriegen, nech?

Anonym hat gesagt…

wann gehts denn eigentlich weiter?