September 14, 2009

Tageblog: Samstag 12.09.09 - Teil 1


Liebes Tageblog,

mein Samstag war folgendermaßen:

Ich war am Vorabend um 3:00 ins Bett gegangen, nachdem ich mich spontan mit Aprikosenschnaps und Chu-hi betr... naja, ich trank es. Mein Schlaf war sehr gut, auch weil ich mich nach dieser Arbeitswoche mental völlig verprügelt fühlte. Ständig wurden den guten Plänen Steine in den Weg gelegt, die sich "interne Prozesse" nannten, und die in den Raum gestellt wurden wie etwas naturgegebenes, das man nicht ändern könnte. Die Prozesse sind teilweise jahrzehntealt und haben mit "Software-Business" wenig zu tun. Jeder weiß, dass das ein Problem ist, aber trotzdem wird sich verhalten als wäre man mit einem unabwendbaren Fluch belegt. Manchmal wird darauf verwiesen, dass diese Prozesse ja im nächsten Jahr geändert werden sollen, um nochmal zu verdeutlichen wie machtlos man bis dahin ist.
Jedenfalls ist es derzeit etwas zermürbend und Wochenenden können da ja ganz schön befreiend wirken.

Da in 3 Wochen meine Familie (Eltern und Schwester) zu Besuch kommt und ich für Ann's Zimmer und sich für's nächste Jahr angekündigten Besuch ein weiteres Bett brauche fuhr ich zu Ikea.
Auf dem Weg von meiner Wohnung zum Bahnhof rief ich noch bei meinem Friseur an, denn meine Frisur wurde langsam Visual-Kei fähig (gibt's eigentlich zu jedem Thema so ein Funpic? Ich würde mir alle angucken).
Ich machte einen Termin drei Stunden später aus und lief zur Tozai-Line, mit der ich direkt in den Osten Tokyos fahren kann. Genauer gesagt in die Präfektur Chiba, die technisch nicht mehr Tokyo ist, auch wenn man - wie eigentlich auf der ganzen Südost-Seite keinerlei sichtbaren Übergang zwischen den Präfekturen hat.
Eine Stunde später war ich in Nishi-Funabashi angekommen, wo ich traditionell in einen anderen Zug als den zum Ikea in Minami-Funabashi umstieg. (Minami = Süd, Nishi=West, Fune/Funa=Schiff, Bashi/Hashi=Brücke). Dadurch wurde ich immerhin Zeuge des seltenen Schauspiels eines japanischen Pärchens, das sich für hiesige Verhältnisse relativ ungeniert in der Öffentlichkeit betatschte (Typ drückte ihr immer am Busen herum, was sie wohl ganz schön fand).

Während des nächsten ungeplanten Umstiegs (ich war mittlerweile 1 Stunde 20 Minuten unterwegs) errechnete ich, dass ich den Ikea in 30 Minuten durchziehen musste, um rechtzeitig beim Friseur zu sein. Auch wenn ich die obligatorischen "Miitobooru" (Meatball, Kötbullar) ausließ wäre das völlig utopisch.
Bett gesucht, gefunden, Lieferung und "Pick-up" (3000Yen dafür, dass ich den Kram im Warenlager nicht selbst zusammensuchen muss) veranlasst, auf dem Weg noch Decke, Kissen, Bettbezüge in den Wagen geschmissen und ab zur 20m-Schlange an der Kasse. Ich wählte die Nummer des Friseurs und entschuldigte mich im Voraus für 30min Verspätung. Zum Liefertresen, Lieferung bezahlt (6400 Yen) und für nächsten Samstag morgen bestellt, noch ein paar unhandliche Teile mit dazu gelegt und zurück zur Station.

Ich nahm einen anderen Zug zurück, denn zufällig fuhr gerade der "Limited Express" nach Tokyo, der mir eventuell 5 Minuten sparen könnte und auch umstiegstechnisch weniger fehleranfällig ist.
Hier gibt es ziemlich viele Zugtypen:
- Local (hält an jeder Station)
- Rapid (überspringt ein paar bestimmte Station außerhalb des Zentrums)
- Limited-Express (ähnlich, bloss anderes Bahnunternehmen; es gibt hier 5 oder 6 verschiedene, die sich aber immerhin auf ein einheitliches Bezahlsystem geeinigt haben)
- Express (noch ein paar weniger Stationen, die angefahren werden)
- Special Rapid (noch mehr Rapid)
- Semi-Express (fragt mich nicht)
- Commuter's Rapid (fährt nur in den Stoßzeiten und die wenigsten Stationen an; wohl dem der an einer dieser wohnt, ich nicht)
- und zu allem Überfluss auch noch ein "Special Limited Rapid". Ungelogen.
Bin sicher, dass das System irgendwann in ungezwungener Karaoke/Koks/Hostessen-Runde aller Bahnunternehmenspräsidenten entstand.

Ich kam um Punkt 7 etwas unangenehm verschwitzt mit verwehter Visual-Kei-Frisur und Ikea-Tasche beim Friseur an, wo mich Nozo direkt mit einem "Sashiburi desu!" begrüßte. Ich verwechselte das Wort bis vor kurzem immer noch mit "Subarashii" (siehe voriger Eintrag), aber es bedeutet soviel wie "Lange nicht gesehen".

Sie brachte mich zum Stuhl, den sie mir wie immer zudrehte, um mich dann damit zum Spiegel zurückzudrehen. "Dou shimashou ka?" (Wie machen wir's?). Ich antwortete, dass ich gegen Haarewaschen nichts einzuwenden hätte, weil ich noch Gel in den Haaren hatte und das bestimmt angenehmer für sie wäre.
Sie stimmte zu und brachte mich zu "Neri", die eigentlich Risa heißt (hä?). Nun, wie auch immer. Ich muss sagen, dass ich nicht viele Japanerinnen sehe, deren Gesicht mir sofort gefällt, aber Neri war eine davon. Ja, und es war wirklich ihr Gesicht. Sie trug eine Schlabberlatzhose.

Das Hinsetzen auf dem Stuhl am Haarwaschbecken ist jedesmal eine beidseitig unbeholfene Angelegenheit. Nozo oder nun Neri wissen nicht, wie sie mir sagen sollen dass ich den Kopf noch nicht zurücklegen soll und ich harre meist in einer albernen Halb-Pose aus, immer in den falschen Momenten "Oh, doch noch nicht, oh doch, jetzt, nee?"-nach vorne oder hinten schwankend, während sie mir ein Handtuch um den Nacken legt und meinen Kopf eine Nuance zu unsicher nach vorne oder hinten schiebt. Nach ewigen 20 Sekunden haben wir es denn.
Haarwäschen beim Friseur sind eine großartige Sache, das ist mal klar. Neri massierte mir 4 oder 5 mal neues Shampoo ein und versuchte sich in leichter Konversation. Mein Sprachzentrum war aber merkwürdig behindert und ich redete mir ein, dass es an meiner Haltung liegen musste, so wie es einem mit überstrecktem Hals schwerfällt zu schlucken. Absurd, aber in dem Moment für mich logisch.
Ich kann mich erinnern, dass Neri aus Saitama (nördlich von Tokyo) kommt, ich dort ja auch schon war (remember Fußballspiel?) und ich ihr meinen Arbeitgeber mitteilte. Selbst die Japaner denken immer noch, es würde sich dabei hauptsächlich um einen Kamerahersteller handeln.
Apropos Sprachzentrum: ich bin mir nicht sicher, ob ich es geschrieben hatte, aber meiner Beurteilung nach ist mein Japanisch meinem früheren Französisch der Oberstufe inzwischen überlegen. Als ich das vor kurzem mal nachprüfen wollte, indem ich zufällige Sätze in beiden Sprachen bilden wollte, stellte ich fest dass das Japanisch nicht nur besser war, sondern mein Französisch ersetzte. Ich war nicht mehr in der Lage einen französischen Satz zu sagen ohne einzelne Wörter versehentlich durch japanische zu ersetzen. "C'est totemo bien desu ne!"

Neri übergab mich wieder an Nozo, die sich sofort ans bekannte Werk machte.
Ich verließ anschließend inner-balanced den Friseur, bis vor die Tür begleitet von Neri und Nozo, die mir für fünf bis zehn Sekunden nachwunken (das ist hier allgemein sehr üblich und keine Sonderbehandlung).

Ich beschloss, heute noch wegzugehen, und zwar ins Ageha, den größten Club Japans. Ich war nicht sonderlich scharf darauf, und nicht ohne Grund hat es mehr als 6 Monate gedauert bis ich mich mal dazu entschloss, aber heute fühlte sich richtig an. Außerdem hatte ich zuviele Abende in kleinen Clubs verbracht, die dann doch etwas dröge werden konnten.
Zuvor ging ich aber noch Shio(塩 Salz)-Ramen essen.
Während ich da aß kam mir der Gedanke, dass ich mich ja eigentlich ab und zu mal mit Nozo und oder Neri zum Abendessen treffen könnte. Ihre Arbeitszeiten sind meinen nicht so unähnlich (bis 21:00) und sonst kenne ich ja niemanden in Kichijoji, mit dem ich mal abends noch ein bisschen abhängen könnte.
Ich ging zurück zum Friseur, wo mich Nozo ganz erschrocken anschaute. Ich schlug ihr meinen Plan vor und sie willigte ein. Einen direkten nächsten Termin auszumachen ließen wir aber sein, denn auch ich war nicht vorbereitet und konnte noch keine Versprechungen machen. Sie bat mich um meine Mailadresse und gingen so wieder auseinander. "Mailadresse" ist hier gleichbedeutend mit Handy-Mailadresse; über andere elektronische Kommunikationswege schreibt man sich hier eigentlich gar nicht mehr.
Ich hab keine Ahnung, ob sie wirklich schreiben wird, dazu zu schüchtern ist oder vielleicht auch keine Lust hat. Den Versuch ist es allenfalls wert.

Ich glaube, an dieser Stelle unterbreche ich den Eintrag mal und verschiebe die Ageha-Geschichte, sonst bin ich hier in einer Stunde noch nicht fertig. Stellt euren Feedreader-Wecker auf morgen nachmittag.

3 Kommentare:

ziegenpeter hat gesagt…

ageha heißt schmetterling, oder?

obiger satz hätte auch heißen können:

kennst du eigentlich yentown (auch bekannt unter swallowtail and butterfly)?
bin dann jedenfalls schwer gespannt...

war vorher anonym, benenne mich jetzt vorerst nach meiner liebsten mangafigur: dem ziegenpeter.

Phil hat gesagt…

Ja, Ageha heißt Schmetterling.
Den Film kannte ich nicht. Ich versuche mal an den ranzukommen.

Wie bist du hier her gekommen?

ziegenpeter hat gesagt…

internet. ;-)

fantastischer film. hatte auch mal die orginaldvd aus japan. wurde mir dann leider entliehen und nicht zurückgegeben.
mitlerweile aber auch in deutschland veröffentlicht...

geht übrigens um einwanderer in tokyo. im weitesten sinne genau dein thema!
sunji iwaii auch sonst recht gut.
All About Lily Chou-Chou (Riri Shushu no subete) ist über teenager in japan. ob es authentisch ist, weiß ich nicht. enorm mitreißend erzählt auf jeden fall.
love letters teilweise fast kitschig, aber obwohl kaum etwas passiert fantastisch inszeniert.
picnic ein tüpischer arthausfilm über drei mental gestörte auf reisen.
sonst alles recht verzichtbar. hana and alice hab ich noch nicht gesehen.

warum schreibe ich das alles und warum benutze ich nur hauptsätze?