Jiro und Yuuki
Ann und ich waren vor circa einem Monat bei Jiro eingeladen, einem Kollegen in meinem Alter den ich beim - inzwischen monatlichen - Futsal kennenlernte.
Noch etwas Vorgeschichte:
Anlässlich meines Geburtstags wollte ich spontan Kollegen zur obligatorischem Ess- und Trinktreffen in irgendeiner angemessen stylischen Izakaya einladen. "Einladen" heißt hier allerdings, dass trotzdem die Kosten geteilt werden. Wenn man Japaner nicht in mittelschwere Gewissensbredouillen bringen will, sollte man die Kosten nur als Vorgesetzter übernehmen, auch Geburtstage sind da keine Ausnahme, und wenn dann eher in dem Sinne, dass man von seinen Gästen eingeladen wird.
Relativ schnell wurde mir klar, dass ich die Grenze der einzuladenden sehr eng oder ziemlich weit setzen müsste. Ich lud schließlich nach einigem Gehadere ca. 15 Leute ein, darunter einige Leute vom Futsal, die komplette Band, meine näheren Kollegen und noch ein paar ausgesuchte Leute (Zizi schloß ich guten Gewissens aus, denn sie wäre - außer Ann - die einzige Frau gewesen).
Ich schrieb die Mail zwei Tage vor dem Treffen und das scheint hier wohl deutlich zu spontan zu sein. Es hagelte bedauernde Absagen, und letztendlich kamen nur Muto-san und Jiro.
Wir landeten nach dem Essen in der Izakaya (deren Innenarchitektur mich wie schon häufig aus den Socken haute) erst in einem Gamecenter wo wir uns vor einen Purikura-Fotoautomaten (mit anschließender unglaublich kitschiger und kindischer Bild-Dekoration am Bildschirm) schwangen und schließlich zum Karaoke, wo meine Stimme völlig absoff. Mir war nie bewusst, dass ich selbst zu mittleren Tonlagen so unfähig war.
Wir hatten das Programm "Versuchen beim Essen zu Betrinken, dann ab in die Nacht und irgendwie in Karaoke-Bar landen" zu schnell durchgezogen und merkten vom Alkohol so gut wie nichts. Bei einem seiner Lieblingslieder fing Jiro plötzlich an, in unserem winzigen Karaoke-Kabuff herumzuspringen und forderte uns auf mitzumachen, was bei unzulänglichem Pegel zu einer unangenehm gezwungenen Angelegenheit wurde.
In die Nacht waren scheinbar mehrere wichtige Bahnlinien ausgefallen und immer mehr Züge verspäteten sich oder wurden gestrichen. Unglaublich, wieviele Menschen in eine Bahn passen. Und wie locker alle dabei bleiben.
Ein paar Tage später bekamen wir von Jiro also eine Einladung zu seiner "House Party" bei dem u.a. ein "super Gitarrist" kommen solle. Solche Begeisterungsäußerungen kann ich nach wie vor nicht einschätzen. Ich ging von einem mittelfitten Gitarristen aus, der bekannte Lieder einigermaßen annehmbar nachspielen könnte.
Ich holte Ann am Samstag bei Shibuya-Crossing in der Nähe ihrer Sprachschule ab, wo sie in einer Englisch-Lehrerin dabei assistierte eine Diskussionsrunde mit Japanern über "Tod am Arbeitsplatz" zu führen. Laut Ann konnte man die Meinung der Teilnehmer in etwa folgendermaßen zusammenfassen:
- Das wär ja schon nicht so gut, sei aber von den Medien gehypt. ("Bestimmt haben die Verstorbenen Krankheiten verschwiegen.")
- Man selber müsse ja auch soviel arbeiten und könne z.B. keinen Urlaub machen. ("...denn sonst würde ja niemand die Arbeit machen.")
Hätte ja gerne gefragt, ob sie denken, dass in anderen Ländern weniger zu tun wäre.
Ann und ich fuhren also zu Jiro nach Hatsudai, einem relativ ruhigen Wohnviertel in Gehweite von Shinjuku. Jiro holte uns von der Station ab und wir gingen durch das Viertel, über dem man die Skyline von Shinjuku thronen sehen konnte. Der Anblick dieser Wolkenkratzer in näherer Umgebung ist immer noch etwas, bei dem mein Herz eine kleinen Hüpfer macht, vor beim Blick zwischen den niedrigen Wohnhäusern hindurch.
Jiro teilte mit, dass er ebenfalls viele Absagen bekommen hätte und nur Yuuki - der Gitarrist - da sei. (Yuki ist ein Mädchenname, Yuuki ein Jungenname. Gut, dafür haben wir Alexander/Alexandra).
Yuuki spielte gedankenverloren auf seiner Gitarre als wir hereinkamen und begrüßte uns auf für einen Japaner relativ unaufgeregte Art und Weise (ich meine es war ein leichtes Nicken). Während wir in Jiros kleiner Wohnküche (die er sich mit einem Mitbewohner teilte) Platz nahmen spielte er stoisch weiter. Ich hätte ihn vermutlich etwas unsympathisch gefunden, hätte Jiro vorher nicht gesagt dass Yuuki eine Reise von Alaska bis an die Südspitze Argentiniens per Fahrrad gemacht hätte, was jedes andere Gefühl nur mit tiefstem Respekt überbügelte.
Yuuki spielte auf Aufforderung von Jiro nun eines seiner Lieder. Ich kann mit tiefster Überzeugung sagen, dass ich sowas noch nicht gesehen habe. Er vermischte so ziemlich alle Griff-, Zupf- und Anschlag-Techniken die man sich vorstellen (und nicht vorstellen) konnte und macht daraus eine Mischung aus spanischem und japanischem Instrumental. Und obwohl ich sonst um alles was irgendwie nach "World Music" klingt einen großen Bogen machen würe (sorry Rodrigo y Gabriela), war das hier technisch sau-beeindruckend und gar nicht mal so übel. Ich bin nur furchtbar schlecht darin, das glaubwürdig zu zeigen. "Äh, that was awesome." sagte ich, mich zwecklos darum bemühend die angemessene Emotion in die Stimme zu legen.
Jiro hetzte währenddessen in seiner Kochnische herum, brut Fisch und kochte Kohlsuppe für uns.
Ich fragte Yuuki was seine Einflüsse seien und er erzählte, dass er ein Jahr lang in Spanien lebte wo er in einer Flamenco-Schule seine Gitarrenskills erlangte. Auf meine Frage wie er seine Lieder schreiben würde, antwortete er esotherisch. Er sei auf seiner Reise durch Amerika so vielen Extremsituation ausgesetzt gewesen, dass nun für ihn alles flach erscheint und es sehr schwierig ist, einen Punkt der "Vollkommenheit" zu erreichen, aber dann könne er schreiben.
Zum Beispiel sei er in Kolumbien beim Zelten von Guerilla-Kriegern mit Maschinenpistolen ausgeraubt worden und in Alaska hätten Bären vor seinem Zelt gekämpft. Ich ging davon aus, dass er Jon Stewart nicht kennt und unterdrückte es, "Wow..... sometimes when I travel, I get diorrhea." zu sagen.
Jiro zeigte uns die Ausgabe 10 seines kleinen selbstherausgegebenen Info-Flyers "Tabismile", in dem er zweisprachig beeindruckende Reisegeschichten wie die von Yuuki unter die Leute brachte. Er erklärte, es wäre für ihn die Möglichkeit der Selbstwirklichung, die er als Buchhalter in der Firma nun nicht unbedingt habe. Ich war ziemlich angetan von seinem schlichten Drang, diese Geschichten zu verbreiten, und mal wieder kam es für mich ziemlich überraschend wenn ein Japaner plötzlich etwas von seinen "echten Hobbies" erzählt. Allgemein offenbarte er eine ziemlich feinfühlige Seite, die sich auf seiner Website zeigt: "Theme of Tabismile is "Traveling and Society". We continue to focus on person contribute to society and great traveler. Then I promise you bring big smiles to you."
Es zeigt mir immer wieder wie wenig ich die Menschen hier kenne und einschätzen kann, selbst wenn wir scheinbar ähnlich ticken.
Yuuki spielte schließlich sein Lied "Zen", zu dem Jiro eine Meditationspose einnahm und die Augen schloss.
Bevor wir gingen kaufte ich die CD, zugegebenermaßen zum Teil aus dem Grund, das ich es sonst als unhöflich empfunden hätte, nicht unwesentlich aber auch deswegen, weil es ein willkommenes Erinnerungsstück war. Yuukis große Freude darüber ließ mich dann aber wieder zweifeln. (Das Gypsy Kings Cover hätte allerdings definitiv nicht sein müssen)
Hier jedenfalls das Lied "Standing in the Small World", das anfangs zwar leider etwas nach den unschöneren Teilen von Final Fantasy Soundtracks (Küstenstädte etc.) klingt, dann aber aber auf recht supere Weise so weit durchdreht, wie es diese Art Musik zulässt.
Noch etwas Vorgeschichte:
Anlässlich meines Geburtstags wollte ich spontan Kollegen zur obligatorischem Ess- und Trinktreffen in irgendeiner angemessen stylischen Izakaya einladen. "Einladen" heißt hier allerdings, dass trotzdem die Kosten geteilt werden. Wenn man Japaner nicht in mittelschwere Gewissensbredouillen bringen will, sollte man die Kosten nur als Vorgesetzter übernehmen, auch Geburtstage sind da keine Ausnahme, und wenn dann eher in dem Sinne, dass man von seinen Gästen eingeladen wird.
Relativ schnell wurde mir klar, dass ich die Grenze der einzuladenden sehr eng oder ziemlich weit setzen müsste. Ich lud schließlich nach einigem Gehadere ca. 15 Leute ein, darunter einige Leute vom Futsal, die komplette Band, meine näheren Kollegen und noch ein paar ausgesuchte Leute (Zizi schloß ich guten Gewissens aus, denn sie wäre - außer Ann - die einzige Frau gewesen).
Ich schrieb die Mail zwei Tage vor dem Treffen und das scheint hier wohl deutlich zu spontan zu sein. Es hagelte bedauernde Absagen, und letztendlich kamen nur Muto-san und Jiro.
Wir landeten nach dem Essen in der Izakaya (deren Innenarchitektur mich wie schon häufig aus den Socken haute) erst in einem Gamecenter wo wir uns vor einen Purikura-Fotoautomaten (mit anschließender unglaublich kitschiger und kindischer Bild-Dekoration am Bildschirm) schwangen und schließlich zum Karaoke, wo meine Stimme völlig absoff. Mir war nie bewusst, dass ich selbst zu mittleren Tonlagen so unfähig war.
Wir hatten das Programm "Versuchen beim Essen zu Betrinken, dann ab in die Nacht und irgendwie in Karaoke-Bar landen" zu schnell durchgezogen und merkten vom Alkohol so gut wie nichts. Bei einem seiner Lieblingslieder fing Jiro plötzlich an, in unserem winzigen Karaoke-Kabuff herumzuspringen und forderte uns auf mitzumachen, was bei unzulänglichem Pegel zu einer unangenehm gezwungenen Angelegenheit wurde.
In die Nacht waren scheinbar mehrere wichtige Bahnlinien ausgefallen und immer mehr Züge verspäteten sich oder wurden gestrichen. Unglaublich, wieviele Menschen in eine Bahn passen. Und wie locker alle dabei bleiben.
Ein paar Tage später bekamen wir von Jiro also eine Einladung zu seiner "House Party" bei dem u.a. ein "super Gitarrist" kommen solle. Solche Begeisterungsäußerungen kann ich nach wie vor nicht einschätzen. Ich ging von einem mittelfitten Gitarristen aus, der bekannte Lieder einigermaßen annehmbar nachspielen könnte.
Ich holte Ann am Samstag bei Shibuya-Crossing in der Nähe ihrer Sprachschule ab, wo sie in einer Englisch-Lehrerin dabei assistierte eine Diskussionsrunde mit Japanern über "Tod am Arbeitsplatz" zu führen. Laut Ann konnte man die Meinung der Teilnehmer in etwa folgendermaßen zusammenfassen:
- Das wär ja schon nicht so gut, sei aber von den Medien gehypt. ("Bestimmt haben die Verstorbenen Krankheiten verschwiegen.")
- Man selber müsse ja auch soviel arbeiten und könne z.B. keinen Urlaub machen. ("...denn sonst würde ja niemand die Arbeit machen.")
Hätte ja gerne gefragt, ob sie denken, dass in anderen Ländern weniger zu tun wäre.
Ann und ich fuhren also zu Jiro nach Hatsudai, einem relativ ruhigen Wohnviertel in Gehweite von Shinjuku. Jiro holte uns von der Station ab und wir gingen durch das Viertel, über dem man die Skyline von Shinjuku thronen sehen konnte. Der Anblick dieser Wolkenkratzer in näherer Umgebung ist immer noch etwas, bei dem mein Herz eine kleinen Hüpfer macht, vor beim Blick zwischen den niedrigen Wohnhäusern hindurch.
Jiro teilte mit, dass er ebenfalls viele Absagen bekommen hätte und nur Yuuki - der Gitarrist - da sei. (Yuki ist ein Mädchenname, Yuuki ein Jungenname. Gut, dafür haben wir Alexander/Alexandra).
Yuuki spielte gedankenverloren auf seiner Gitarre als wir hereinkamen und begrüßte uns auf für einen Japaner relativ unaufgeregte Art und Weise (ich meine es war ein leichtes Nicken). Während wir in Jiros kleiner Wohnküche (die er sich mit einem Mitbewohner teilte) Platz nahmen spielte er stoisch weiter. Ich hätte ihn vermutlich etwas unsympathisch gefunden, hätte Jiro vorher nicht gesagt dass Yuuki eine Reise von Alaska bis an die Südspitze Argentiniens per Fahrrad gemacht hätte, was jedes andere Gefühl nur mit tiefstem Respekt überbügelte.
Yuuki spielte auf Aufforderung von Jiro nun eines seiner Lieder. Ich kann mit tiefster Überzeugung sagen, dass ich sowas noch nicht gesehen habe. Er vermischte so ziemlich alle Griff-, Zupf- und Anschlag-Techniken die man sich vorstellen (und nicht vorstellen) konnte und macht daraus eine Mischung aus spanischem und japanischem Instrumental. Und obwohl ich sonst um alles was irgendwie nach "World Music" klingt einen großen Bogen machen würe (sorry Rodrigo y Gabriela), war das hier technisch sau-beeindruckend und gar nicht mal so übel. Ich bin nur furchtbar schlecht darin, das glaubwürdig zu zeigen. "Äh, that was awesome." sagte ich, mich zwecklos darum bemühend die angemessene Emotion in die Stimme zu legen.
Jiro hetzte währenddessen in seiner Kochnische herum, brut Fisch und kochte Kohlsuppe für uns.
Ich fragte Yuuki was seine Einflüsse seien und er erzählte, dass er ein Jahr lang in Spanien lebte wo er in einer Flamenco-Schule seine Gitarrenskills erlangte. Auf meine Frage wie er seine Lieder schreiben würde, antwortete er esotherisch. Er sei auf seiner Reise durch Amerika so vielen Extremsituation ausgesetzt gewesen, dass nun für ihn alles flach erscheint und es sehr schwierig ist, einen Punkt der "Vollkommenheit" zu erreichen, aber dann könne er schreiben.
Zum Beispiel sei er in Kolumbien beim Zelten von Guerilla-Kriegern mit Maschinenpistolen ausgeraubt worden und in Alaska hätten Bären vor seinem Zelt gekämpft. Ich ging davon aus, dass er Jon Stewart nicht kennt und unterdrückte es, "Wow..... sometimes when I travel, I get diorrhea." zu sagen.
Jiro zeigte uns die Ausgabe 10 seines kleinen selbstherausgegebenen Info-Flyers "Tabismile", in dem er zweisprachig beeindruckende Reisegeschichten wie die von Yuuki unter die Leute brachte. Er erklärte, es wäre für ihn die Möglichkeit der Selbstwirklichung, die er als Buchhalter in der Firma nun nicht unbedingt habe. Ich war ziemlich angetan von seinem schlichten Drang, diese Geschichten zu verbreiten, und mal wieder kam es für mich ziemlich überraschend wenn ein Japaner plötzlich etwas von seinen "echten Hobbies" erzählt. Allgemein offenbarte er eine ziemlich feinfühlige Seite, die sich auf seiner Website zeigt: "Theme of Tabismile is "Traveling and Society". We continue to focus on person contribute to society and great traveler. Then I promise you bring big smiles to you."
Es zeigt mir immer wieder wie wenig ich die Menschen hier kenne und einschätzen kann, selbst wenn wir scheinbar ähnlich ticken.
Yuuki spielte schließlich sein Lied "Zen", zu dem Jiro eine Meditationspose einnahm und die Augen schloss.
Bevor wir gingen kaufte ich die CD, zugegebenermaßen zum Teil aus dem Grund, das ich es sonst als unhöflich empfunden hätte, nicht unwesentlich aber auch deswegen, weil es ein willkommenes Erinnerungsstück war. Yuukis große Freude darüber ließ mich dann aber wieder zweifeln. (Das Gypsy Kings Cover hätte allerdings definitiv nicht sein müssen)
Hier jedenfalls das Lied "Standing in the Small World", das anfangs zwar leider etwas nach den unschöneren Teilen von Final Fantasy Soundtracks (Küstenstädte etc.) klingt, dann aber aber auf recht supere Weise so weit durchdreht, wie es diese Art Musik zulässt.
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